Johannes K. Prill - kultur 98 - Juli 2013

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Johannes K. Prill: Der eingebildete Kranke und Kafkas Verwandlung

Molières Komödie Le malade imaginaire in der Originalsprache läuft im Euro Theater Central seit dem Herbst 2012 mit großem Erfolg. In der pfiffigen Inszenierung der Schweizerin Marianne de Pury spielt Johannes K. Prill den Hypochonder Argan. Die große Rolle sei ihm wirklich ans Herz gewachsen, gesteht der 1963 in Bonn geborene Schauspieler. Am 19. September ist die deutschsprachige Premiere geplant. Das erfordert noch mal etliche Proben. „Die Reclam-Übersetzung von Doris Distelmaier-Haas trifft den Geist Molières sehr genau“, findet Prill. Die Schriftstellerin und bildende Künstlerin ist übrigens auch Bonnerin.
In der französischsprachigen Originalversion von Sartres Huis clos, die seit einiger Zeit immer wieder Zusatzaufführungen für Schulklassen erfordert, spielt Prill den Garcin. Auf Deutsch steht die legendäre Inszenierung von Claus Marteau bereits seit 1970 auf dem Spielplan des Euro Theaters und steuert in einer neuen Besetzung inzwischen auf ihre 1.000. Vorstellung zu. Vor ziemlich genau 20 Jahren hat Johannes Prill in Geschlossene Gesellschaft als Diener debütiert und gehört seitdem zum Schauspielerstamm des Euro Theaters. Er liebt das Flair dieses Zimmertheaters: „Es gibt kein anderes Haus, wo ich die Treppe raufgehe und gleich denke: Hier riecht es nach Theater.“
Nur einen Katzensprung davon entfernt, in einer Wohnung am Bonner Marktplatz, verbrachte er seine Kindheit. „Mit drei Jahren ahmte ich gern die Bonner Marktleute nach, obwohl ich kein Wort von ihrem Geschrei verstand.“ Sein Vater Meinrad Prill war Radio- und Fernsehjournalist beim SWR und später bei der ARD. Ein paar Jahre lebte die Familie in Baden-Baden, zog dann wieder nach Bonn, für kurze Zeit nach Paris und schließlich nach Genf, wo Johannes 1983 an der deutschen Schule sein Abitur machte. An der Genfer Universität studierte er bis 1986 „langue et civilisation françaises“ und ab 1984 Schauspiel am dortigen Konservatorium. „Meine Freunde waren durchweg frankophon. Mir war aber bald klar, dass ich im deutschsprachigen Raum wohl bessere berufliche Chancen hätte.“ Deshalb zog Prill nach Basel und beendete sein Schauspielstudium an der Schauspielschule des Piccolo-Theater-Piccolissimo von Renato Cibolini. „Das war eine tolle Schule, in der man morgens das Theaterhandwerk lernte und abends gemeinsam mit den Lehrern auf der Bühne stand. ‚Du musst vor nichts Angst haben auf der Bühne‘, war das Motto von Renato, der einem eine unerschütterliche Sicherheit vermittelte.“
An das Diplom 1988 schloss Prill noch eine Regie-Ausbildung an und arbeitete nach Cibolinis Tod bis 1992 weiter als Schauspieler und Regisseur am Piccolo-Theater-Piccolissimo in Basel – übrigens dem ers­ten professionellen Theater in der Schweiz, wo die Zuschauer keine festen Eintrittspreise zahlten, sondern was sie wollten. Außerdem wirkte Prill bei diversen Schweizer Film-, Fernseh- und Rundfunkproduktionen mit. Kurz vor der Schließung des Piccolo-Theaters 1993 kehrte er in seine Heimatstadt Bonn zurück, wo Horst Johanning ihn am Contra-Kreis-Theater für die deutschsprachige Erstaufführung der Komödie Lieber Geld und glücklich von Richard Everett engagierte.
Einige Tage nach der Premiere lernte er Claus Marteau und Gisela Pflugradt kennen, die ihn zu einem Vorsprechen an ihrem Euro Theater Central einluden. Bevor er dort anfing, gab es noch eine mehrmonatige Tournee an der Seite von Horst Tappert mit dem Stück Die zwölf Geschworenen, einer Produktion des Baseler Scala-Theaters. Prill spielte die Nr.12, den wankelmütigen Werbetexter.
Er übernahm dann am Euro Theater die Rolle des Nick in Wer hat Angst vor Virginia Woolf? und wurde 1993 für zwei Jahre fest engagiert als Schauspieler und künstlerischer Assistent. Besonders begeis­terte er sich für das anspruchsvolle Europa-Programm und die Begegnungen mit Künstlern aus unterschiedlichen Ländern.
Alle Rollen, die er am Euro Theater spielte, kann man kaum aufzählen. „Die melancholisch-heiteren Einakter von Anton Tschechow waren ein Vergnügen. Richtig geliebt habe ich Die Journalisten von Gus­tav Freytag in der Bearbeitung von Horst Jürgen Winkel und inszeniert von Peter Tömöry. Ein Riesenspaß war das freche Vampir-Musical Fletch.“ Spannend fand er die Figur des teuflischen Fistula in Vác­lav Havels Faust-Groteske Versuchung, besonders berührend die Titelrolle in der deutschsprachigen Erstaufführung von Schumanns Nacht des Dänen Sven Holm. Natürlich auch den poetischen Fechtkünstler und liebeswunden Lyriker Cyrano, den er 2010/11 verkörperte, und jetzt den Vater in Kafkas Verwandlung.
Am Kleinen Theater war er 2009 in Schillers Wallenstein als Gesandter von Questenberg zu sehen und 2010 sehr wandlungsfähig in mehreren Rollen in Brechts Galileo Galilei. Im Theater Die Pathologie spielte er zuletzt den wahnsinnigen Schauspieler Felice in Das Hohelied nach Tennessee Williams.
Neben der Bühnentätigkeit ist der Unterricht sein zweites Standbein. Seit 1995 arbeitet er regelmäßig mit Schauspielschülern, studiert mit ihnen Vorsprechrollen ein und wirkt bei verschiedenen Institutionen als Lehrer für Stimmbildung und Sprecherziehung. Neuerdings gibt er auch Kurse bei der Theatergemeinde BONN. „Das macht mir ganz großen Spaß, weil die Menschen hier so offen und interessiert sind.“ 2002 machte Prill eine Fortbildung im Camera Acting Centrum Köln und gehört seit 2005 zum festen Dozentenstamm der „Film-Acting-School Cologne“, die den Profi-Nachwuchs für TV- und Kinoproduktionen ausbildet.
Seine große Liebe gehört freilich der Musik. 2002 gestaltete er zusammen mit dem Pianisten Joachim M. Jezewski und dem Autor Oliver Eichert einen Jacques-Brel-Abend, mit dem er durch ganz NRW tourte und auch in Berlin sehr erfolgreich gastierte. Sänger wäre er gern geworden, wenn nicht eine hartnäckige Bronchitis und Kehlkopfentzündung diesen Traum vorerst zunichte gemacht hätte. Durch die Oper wurde seine Faszination für das Theater geweckt. „Mit zehn Jahren erlebte ich in Bonn Hoffmanns Erzählungen und war hingerissen. Eine meiner Tanten war Pianistin und schenkte mir regelmäßig zu Weih­nachten einen Opernbesuch. Ich erinnere mich noch genau, wie wir mit glühenden Ohren am Radio den Bayreuther ‚Jahrhundert-Ring‘ von Chéreau/Boulez verfolgten.“ In Konzerte ging er zudem häufig mit seiner inzwischen verstorbenen Tante Barbara Kämpfert-Weitbrecht, die als Musikkritikerin beim Bonner General-Anzeiger arbeitete.
Privat wird bei Prill zu Hause inzwischen meis­tens Französisch gesprochen. Mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Virginie Cointe, steht er aber auch regelmäßig im Euro Theater auf der Bühne. Sie spielt die blitzgescheite Magd Toinette im Malade imaginaire und die lesbische Intellektuelle Inès in Huis clos.
„Am 12. August beginnt für mich die neue Spielzeit. Neugier ist Bedingung für einen frei arbeitenden Schauspieler. Du brauchst außer Talent Begeisterung für eine Sache. Ich mache das, was ich liebe, und habe mir mein Leben so gebaut, dass ich damit glück­lich sein kann. Dies ehrlich sagen zu können, habe ich mir erarbeitet. Luft nach oben ist natürlich immer wichtig.“ Einen Monat nach unserem Gespräch feiert Johannes seinen 50. Geburtstag und freut sich auf neue Herausforderungen.

Dienstag, 10.12.2013

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