Birte Schrein - kultur Nr. 26 - April 2006

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Birte Schrein - Die Generalsgattin Amelia und das kunstseidene Mädchen

Vor ein paar Wochen stand ein Foto von ihr mal nicht im Feuilleton, sondern im Lokalteil des Bonner General-Anzeigers. Es ging auch nicht um die Schauspielerin Birte Schrein, sondern um ihre ganz persönliche Zivilcourage, für die sie vom Bonner Polizeipräsidenten mit einem Blumenstrauß belohnt wurde. In den vergangenen Sommerferien wurden sie und ihr Lebensgefährte auf der Kennedybrücke Zeugen, wie zwei junge Männer eine ältere Frau auf die Straße schubsten, wo sie von einem Bus überfahren wurde und starb. „Wir haben gleich gemerkt, dass das kein ‚normaler' Unfall war, haben uns auf unsere Fahrräder geschwungen und die Täter verfolgt. Zumindest einen konnte die Polizei dadurch festnehmen. Ich habe keine Ahnung, wer diese Jungs waren und warum sie das getan haben. Aber man darf nicht einfach wegschauen, wenn Gewalt geschieht. Man muss etwas dagegen tun.“ Der Polizeipräsident hätte sie am liebsten gleich engagiert. Birte lacht herzlich: „Nein, ich bleibe doch lieber beim Theater, aber vielleicht werde ich ja irgendwann doch noch mal Kommissarin in einem TV-Krimi. Bei einem Bankraub habe ich mich nicht so bewährt.“ Das war vor einigen Jahren in dem skurrilen Kurzfilm Bad Hair Day, den der Regisseur Volker Maria Engel mit Schauspielern vom Theater Bonn gedreht hatte. „ Wir hatten nicht viel Zeit dafür, aber es hat Riesenspaß gemacht.“ Es war auch die letzte Zusammenarbeit mit Justus Fritzsche, der kurz danach gestorben ist. Birte spielte eine hochschwangere junge Frau, die hysterisch den ganzen Banküberfall vermasselte. Zahlreiche kleinere Rollen in Filmen und Fernsehspielen hat sie inzwischen schon übernommen. Vor kurzem war sie in einer Sendung des WDR als zuckersüchtige Frau zu sehen. „Dafür musste ich so etwa ein Kilo Süßigkeiten futtern. Das war ein bisschen viel, obwohl ich tatsächlich eine Schwäche für Süßes habe.“ Im Oktober hatte sie ein paar Drehtage in New York für einen Film über den 11. September, an dem jetzt in Deutschland weitergearbeitet wird. „Ich bin wirklich dankbar, dass das Theater mir solche Möglichkeiten lässt und das, wenn's irgend geht, bei den Probenplänen berücksichtigt.“ Auch im WDR-Hörfunk taucht ihre Stimme öfter auf. Lesungen macht sie häufig. Die Briefe von August Macke und seiner Frau, die sie zusammen mit ihrem ehemaligen Bonner Kollegen Timo Berndt (jetzt in Wiesbaden) schon an verschiedenen Orten in Bonn vorgetragen hat, gehören zu ihren Lieblingstexten. In Frankfurt am Main hat sie mit ihrem ehemaligen Bonner Kollegen Jochen Langner (jetzt in Köln) in einem kleinen Hotel eine Lesung mit dem Nachtportier gestaltet. „Im nächsten Sommer soll das fortgesetzt werden. Dann bespielen wir das ganze Hotel vom Keller bis zum Dachboden.“ Sie liebt solche originellen Projekte. Auch in Lübeck hat sie gerade an einem mitgewirkt. Das war eine Initiative des Regisseurs Reinhard Göber, in dessen Bonner Inszenierung von Sartres Die Eingeschlossenen von Altona sie die Leni gespielt hat. In einer Lübecker Straße traten an einem Tag in jedem Haus Schauspieler aus verschiedenen Städten mit Lesungen auf. „Für mich war das über das künstlerische Erlebnis hinaus etwas Besonderes, denn ich bin damit zum ersten Mal in meiner Heimatstadt aufgetreten.“
Birte Schrein kam 1969 in Lübeck zur Welt. Der Vater war als Schiffssteuermann meistens auf hoher See, die Mutter arbeitete in der Hafenapotheke ihres Schwiegervaters. Bis es ihr zuviel wurde, die Kinder quasi allein zu erziehen. Die Familie zog also weit weg vom Meer ins schwäbische Heidenheim. „Da gibt es so eine Art Seemanns-Enklave und ein Unternehmen, das Schiffstechnik herstellt. Mein Vater singt immer noch begeistert in einem Shanty-Chor mit. Meinen Namen habe ich übrigens von der ‚Birte', dem letzten Schiff, das mein Vater gelenkt hat.“ Nach dem Abitur in Heidenheim studierte sie in Graz Volkswirtschaft, Germanistik und Geschichte. Nach drei Jahren und schon kurz vor dem Abschluss entschied sie sich ziemlich spontan fürs Theater, mit dem sie bis dahin eigentlich kaum etwas zu tun gehabt hatte. Sie bekam gleich nach dem ersten Vorsprechen an der Grazer Schauspielschule einen Studienplatz. Es blieb trotzdem ein Zwischenspiel. „Wir hatten da einen alten Lehrer, der ein richtig widerlicher Macho war. Wir haben geschlossen auf dem Schulhof gegen ihn demonstriert. Daraufhin wurde die ganze Klasse gefeuert.“ Sie wollte aber - „auch der Liebe wegen!“ - in Österreich bleiben und ging ans renommierte Salzburger Mozarteum. „Eigentlich hätte ich mich nach dem Grazer Rausschmiss dort gar nicht mehr bewerben dürfen. Ob meine Lehrer es gemerkt haben, weiß ich nicht. Vielleicht haben sie ein Auge zugedrückt.“ Nach dem Diplom interessierten sich Stuttgart und Kiel für sie. Ihr erstes festes Engagement führte sie jedoch nach Bonn, wo sie bis heute gerne lebt, ganz in der Nähe des Hauses der Theatergemeinde übrigens: „Du darfst ruhig schreiben, dass ich eure Arbeit sehr bewundere. Ich meine das ehrlich.“
Die Recha in Dietrich Hilsdorfs Inszenierung von Nathan der Weise war ihre erste große Rolle in den Kammerspielen. Seit 1995 gehört sie zum Bonner Schauspiel-Ensemble und ist damit inzwischen dessen längstgedientes Mitglied. Hier hat sie sich ein umfangreiches Repertoire erarbeitet und ein ganz eigenes Profil entwickelt und wurde bald für den NRW-Nachwuchsdarstellerpreis nominiert. Die zeitgenössischen Stücke haben sie besonders geprägt: John von Düffels Othello Therapie, Dea Lohers Klaras Verhältnisse, Sarah Kanes Zerbombt und Abi Morgans Splendour nennt sie als besonders wichtig für ihre Entwicklung, und natürlich jetzt Martin Crimps Sanft und grausam, das gerade Premiere hatte (s. S. 4). Inzwischen haben schon die Proben für die deutsche Erstaufführung von Wie es so läuft des amerikanischen Erfolgsautors Neil LaBute begonnen. Birte spielt die Belinda in diesem Dreipersonen-Stück, das Klaus Weise in der Werkstatt inszeniert. Mit dem Generalintendanten als Regisseur hat sie zwar schon bei Ariel von Marina Carr zusammengearbeitet, aber jetzt ist's das erste Mal in einer Hauptrolle.
Besonders ans Herz gewachsen ist ihr Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun, das sie in der Regie von Tobias Materna im Oktober 2002 zum ersten Mal gespielt hat und in dieser Saison wieder im ständig ausverkauften Lampenlager verkörpert. „Es ist interessant, wie sich so eine Figur mit einem selbst weiterentwickelt. Ich lasse jetzt die Rollen gelassener zu mir kommen. Mein erster und strengster Kritiker ist immer mein Lebenspartner. Dafür bin ich eine sehr kritische Leserin seiner Texte.“ Den promovierten Literaturwissenschaftler und Historiker Lothar Kittstein hat sie vor einigen Jahren in Bonn kennengelernt und gleich auch zum Theater verführt. Inzwischen hat er mehrere Erzählungen und Theaterstücke veröffentlicht. In einer mondhellen Winternacht wurde am Hamburger Thalia-Theater uraufgeführt, Spargelzeit in Osnabrück. Für das Kinderstück Zu Besuch bekam er im letzten Dezember beim Autorenforum des Kinder- und Jugendtheaterzentrums der BRD sogar einen der wichtigen Förderpreise für Nachwuchsschriftsteller. Am Theater Bonn hat er bei zwei Produktionen hospitiert, seit dieser Spielzeit ist er in der Dramaturgie am Schauspiel Köln fest engagiert. „Zwischen uns gibt es eine tolle Zusammenarbeit, über die ich wirklich glücklich bin.“ Heute wird sie am Spätnachmittag wieder mal in Kästners Doppeltem Lottchen in den Kammerspielen auf der Bühne stehen, einer der erfolgreichsten Inszenierungen dieser Saison. Als tapfere Mutter Luiselotte Körner - auch wieder so eine couragierte Frau…

Dienstag, 25.02.2014

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