Andreas Macco - kultur 17 - 5/2005

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Andreas Macco - Händels biblischer Saul und Mozarts unersättlicher Verführer Don Giovanni

Gerade einen Tag vor diesem sonnigen Frühlingsnachmittag Mitte März haben die Bühnenproben zu ”Don Giovanni” im Bonner Opernhaus begonnen, wo Andreas Macco zum ersten Mal die Titelrolle singen wird. Gerade verwies auch eine kleine Meldung im Bonner ”General-Anzeiger” darauf, dass er vor kurzem an der Mailänder Scala als Crespel in ”Les Contes d'Hoffmann” aufgetreten ist. Es war nicht sein Scala-Debüt: Er ist längst ein international gefragter Sänger und gastierte bei zahlreichen Festivals (z.B. Maggio Musicale Fiorentino, Wiener Festwochen, Salzburg, Bregenz). Seine Konzertreisen führten ihn in den letzten Jahren durch ganz Europa und bis nach Montreal und Taiwan. Gerade hat er im Leipziger Gewandhaus in einer konzertanten Aufführung von Gounods ”Roméo et Juliette” als Pater Laurent mitgewirkt, im Januar sang er in Straßburg in Rossinis ”Stabat Mater”, kurz vor Ostern steht in der Schweiz Bachs ”Matthäuspassion” auf seinem Programm, in Mahlers 8. Sinfonie war er bereits an verschiedenen Orten zu hören.
Aber zurück zu Offenbach: In der Bonner Inszenierung der ”Contes” spielte er gleich vier Rollen: Als Lindorf, Coppelius, Mirakel und Dapertutto war er der dämonische Gegenspieler des in seinen Zettelkastenträumen verirrten Dichters. „Crespel ist eher ein väterlicher Charakter und außerdem ein richtiger Bass - also meine eigentliche Stimmlage“, sagt Macco schmunzelnd, „aber mit der muss man sich im klassischen Repertoire ja öfter mal etwas älter gerieren.“ In den Bonner Bassbariton-Rollen hat er sich vor allem wohlgefühlt, weil er das körpersprachlich Vital-Bewegliche mag: „Interessant finde ich immer wieder den Wechsel im Rhythmus und im Körpergefühl in verschiedenen Rollen.“
Die konventionellen Fachbezeichnungen und damit verbundenen Klischees hält der große, schlanke Sänger ohnehin für leicht obsolet: „Ich bin ein hoher Bass (basso cantante) mit vielen Einsatzmöglichkeiten vom Barock über Belcanto bis zur Moderne und kann vereinzelt auch Bariton-Partien singen; man muss einfach von Partie zu Partie entscheiden, ob die Stimme zum eigenen Verständnis der Figur und zur jeweiligen Inszenierung passt.“
Vom realen Dichter E.T.A. Hoffmann lässt sich zudem eine direkte Linie zu Mozart ziehen, denn in seiner Novelle ”Don Juan” setzte er der Oper ”Don Giovanni” ein Denkmal, das die ganze romantische Interpretation des Helden prägte. „Das ist zwar jetzt ein Zufall, doch das mit dem Denkmal ist schon gut: Das wird ja ziemlich konkret und für mich tödlich am Ende wieder lebendig… Aber Spaß beiseite: Wir werden nicht ganz so romantisch mit dem Liebeskünstler umgehen.“ - „Immerhin gibt es allein zwischen 1630 und 1959 im europäischen Theater schon 462 verschiedene Versionen des Don-Juan-Stoffes“, ergänzt Helga Haase, Pressesprecherin am Theater Bonn, und Macco fügt hinzu: „Klar, es ist nicht einfach, dem Druck unendlich vieler berühmter Interpretationen von Mozarts Oper standzuhalten, aber im unmittelbaren Arbeitsprozess spielen die glücklicherweise auch keine Rolle mehr. Da muss man mit der Musik erspüren, was konkret in bestimmten Situationen entsteht.“
Mit Mozart ist der Sänger aus seiner eigenen Bühnenpraxis sogar vertrauter als sein aktueller Regisseur. Generalintendant Klaus Weise hat nach vielen erfolgreichen Schauspiel-Inszenierungen 2001 in Mainz mit der ”Entführung aus dem Serail” als Opernregisseur debütiert und zeigt jetzt in Bonn seine zweite Musiktheater-Produktion. „Eigentlich ist ja auch ”Don Giovanni” ein Singschauspiel”, meint Macco, „und ich mag Weises filigrane Personenführung." Macco hat im ”Don Giovanni” schon den Diener Leporello gesungen, den Osmin in der ”Entführung”, den Don Alfonso in ”Così fan tutte”, den Sarastro in der ”Zauberflöte”, die Titelrolle im ”Figaro” und - noch im Studium - den Colas in ”Bastien und Bastienne.”
Letzteren in seiner Heimatstadt Stuttgart, wo er Schulmusik mit den Hauptfächern Gesang, Klavier und Dirigieren studierte. In Frankfurt und Wien schloss er ein Gesangsstudium mit Liedklasse und Opernschule an, besuchte Meisterkurse bei Nina Dorliac und Jewgeni Nesterenko und wurde 1990 ans Stadttheater Bremerhaven engagiert. 1994 ging er an die Staatsoper Hannover, wo er sich ein breites Repertoire bis hin zum Theaterdirektor La Roche im ”Capriccio” von Richard Strauss erarbeitete und auch in anderen Städten gastierte. Den Gurnemanz in Wagners ”Parsifal” sang er zum ersten Mal in Münster. Von 1999 bis 2002 war er Ensemblemitglied an der Oper Frankfurt, danach bis 2004 in Bonn, seitdem arbeitet er frei. Seine erste Rolle an beiden Häusern war der Daland im ”Fliegenden Holländer”. In Bonn hat er auch den Fiesco in Verdis ”Simon Boccanegra” und die Titelrolle in Händels ”Saul” verkörpert: „Diese biblische Figur und dieser barocke Glanz waren auch für mich als Darsteller faszinierend.”
Mit vielen berühmten Regisseuren (u. a. Peter Stein, Jürgen Flimm, Peter Mussbach) und Dirigenten (u. a. Claudio Abbado, Sylvain Cambreling, Zubin Mehta, Giuseppe Sinopoli) hat er zusammengearbeitet. Aber das allfällige ‚name-dropping' schätzt der eher zurückhaltende Sänger gar nicht so sehr und berichtet lieber von der spannenden Arbeit mit Franz Welser-Möst und Robert Wilson an Wagners ”Rheingold” in Zürich, wo er den Fasolt sang. Zu seinen besonderen Erlebnissen zählt auch die Inszenierung von Berlioz' ”Damnation de Faust” von der katalanischen Avantgarde-Truppe La Fura dels Baus, die 2004 bei der Ruhrtriennale wieder aufgenommen wurde. „Im Rattenlied des Brander zeigt sich Andreas Macco einen Schritt weiter auf der Karriereleiter“, schrieb der Berliner ”Tagesspiegel” bereits 1999 nach der Aufsehen erregenden Premiere bei den Salzburger Festspielen. „Das war eine ganz befreiende Arbeit. La Fura gilt ja als wild und wahnsinnig, ist jedoch bei der konkreten Umsetzung ihrer Konzepte unglaublich präzis und professionell. Der technische Rahmen ist festgelegt, aber bei der Personenregie gibt es eine erstaunliche Offenheit.“
Ausgetretene Pfade verlässt Macco ohnehin gerne: Zum ersten Mal mit dem Regisseur Klaus Weise zusammengearbeitet hat er in der vergangenen Saison bei der leider allzu selten gespielten Kammerspiel-Produktion ”Männer Macht Frauen” mit Sängern und Schauspielern. „Solche interdisziplinären Experimente machen mir Spaß. Ob der Generalintendant mich bei diesen melancholischen und auch lustigen Kommentaren zum Geschlechterkampf schon als Don Giovanni eingeplant hatte, weiß ich aber nicht mehr genau“, sagt Andreas Macco mit einem leicht ironischen Augenzwinkern.

Donnerstag, 08.12.2011

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