Vivaldi, Antonio (1678 - 1741)

aus kultur Nr. 50 - 10/2008

Antonio Lucio Vivaldi war das erste von mindestens sechs Kindern des gelernten Barbiers Giovanni Battista und dessen Frau Camilla Calicchio. Als Vivaldi in Venedig geboren wurde, hatte sich sein Vater beruflich bereits für die Musik entschieden; er war ein angesehener Violinist und wurde 1685 Mitglied der Capella Ducale di San Marco und 1689 des Orchesters des Teatro San Giovanni Grisostomo und im selben Jahr Maes­tro di violino am Ospedale dei Mendicanti. Vivaldi erhielt den ersten Violinunterricht von seinem Vater. Möglicherweise spielte er gelegentlich im Orchester von San Marco mit, entweder als zusätzlicher Geiger oder als Vertreter des Vaters.
Mit fünfzehn Jahren bereitete sich Vivaldi auf die Priesterlaufbahn vor und empfing 1703 die Priesterweihe. Sein Amt konnte er jedoch angeblich wegen eines bronchial-asthmatischen Leidens nicht ausüben. Als er noch im selben Jahr zum Maestro di violino des Pio Ospedale della Pietà (kurz „Pietà“ genannt) berufen wurde, endete seine geistliche Laufbahn. Was ihm jedoch blieb, war der Beiname „il prete rosso“ - der rote Priester (Vivaldi hatte rote Haare).
In Venedig gab es insgesamt vier Ospedali (Hospitale), die von der Kirche eingerichtet worden waren, um verwaiste und ausgesetzte Kinder aufzunehmen. Aus den musikalisch begabtesten Kindern gingen die Chöre und Orchester der Institute hervor. Die Pietà, die ausschließlich von Mädchen bewohnt wurde, hatte musikalisch den besten Ruf. Schon in seinen ersten Jahren am Ospedale wurde Vivaldi zu einer der führenden Persönlichkeiten des Instituts. 1709 wurde er zum „Maestro di concerti“ ernannt; er unterrichtete die Mädchen, organisierte die Konzerte und schrieb unzählige Werke für das dortige Ensemble.
Zeitgenossen berichten von Vivaldis ungewöhnlicher Virtuosität auf der Violine. Er beherrschte nicht nur scheinbar mühelos das Griffbrett, sondern war auch ein Meister der Bogenhand. Sein Ruf lockte vor allem Musiker aus dem deutschen Raum an, die bei dem berühmten „prete rosso“ Unterricht nahmen. Auch Johann Georg Pisendel, Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle, nahm bei Vivaldi „Lectionen“.
Vivaldi komponierte vorbildliche Violinkonzerte. Die über 200 Werke dieser Gattung sind virtuos und effektvoll. Für das Fagott als Soloinstrument schrieb er 37 Konzerte. In diesen Werken geht er an die Grenzen der spieltechnischen Möglichkeiten seiner Zeit, in der das Instrument nur über zwei Hilfsklappen verfügte. Auch in den Violoncellokonzerten verlangt Vivaldi von seinen Interpreten alle spieltechnischen Raffinessen.
Eine besondere Werkgruppe bilden die Konzerte, die Vivaldi mit programmatischen Titeln versehen hat. Die berühmtesten von ihnen sind die vier ersten Konzerte des Opus VIII: "Die vier Jahreszeiten", zu denen der Komponist selbst vier Sonette verfasst hat. Bereits zu seinen Lebzeiten erfreuten sie sich einer besonderen Beliebtheit. Besonders "La primavera" (Der Frühling) erschien schon damals in zahlreichen Bearbeitungen.
Neben den vielfältigen Aufgaben am Ospedale richtete sich Vivaldis musikalisches Interesse auch auf die Oper: Bereits 1713 wurde seine erste Oper "Ottone in villa" in Vicenza aufgeführt. Die nachweisbaren Werke dieser Gattung sind in einem Zeitraum von 27 Jahren entstanden (1713-39). Der Komponist selbst gab an, 94 Opern geschrieben zu haben (mehr als die Hälfte gilt als verschollen), von denen jedoch nicht alle ausschließlich aus seiner Feder stammen.
Aus der Begegnung mit Johann Joachim Quantz im Jahre 1726 entstanden nicht nur 15 Konzerte für Traversflöte, sondern auch die erste solistische Verwendung dieses Instruments in einer Oper: In der Arie „Si da te mio dolce amore“ in "Orlando furioso" gehört der konzertierende Flötenpart zum Anspruchsvollsten, was in dieser Zeit für das Ins­trument geschrieben wurde.
Die meisten von Vivaldis geistlichen Kompositionen sind wahrscheinlich für die Pietà entstanden, auch wenn sein Ruf als Vokalkomponist weit über seine Wirkungsstätte hinaus reichte. Die Solomotetten beispielsweise entfalten eine erstaunliche vokale Virtuosität und eine unerhörte Expressivität.
1728 traf Vivaldi Kaiser Karl VI., der ihn reich beschenkte und in den Ritterstand erhob. 1729-31 reiste der Komponist vermutlich nach Wien und Prag, wo fünf seiner Opern am Theater des Grafen Sporck aufgeführt wurden. 1738 dirigierte er ein großes Festkonzert anlässlich des hunderjährigen Bestehens der Stadtschouwburg, des Theaters von Amsterdam. Vivaldi starb 1741 in Wien.
Noch lange Zeit nach seinem Tod war der Komponist komplett vergessen. Erste Ansätze zu einer Vivaldi-Renaissance gab es durch die Wiederentdeckung Johann Sebastian Bachs, da dieser Violinkonzerte Vivaldis für Klavier bearbeitet hatte. Aber erst durch einen spektakulären Fund im Jahre 1926 in Turin setzte die eigentliche Vivaldi-Renaissance ein und wies dem „prete rosso“ seinen Platz als eine herausragende Gestalt der Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts zu. E.H.

Zum Nachhören:
- Die vier Jahreszeiten, Anne-Sophie Mutter, Karajan, Wiener Philharmoniker, EMI.
- Il Giordano Armonico, The Vivaldi Album, Cecilia Bartoli, Decca.
- Cellokonzerte, Mischa Maisky, Orpheus Chamber Orchestra, DG.

Zum Nachlesen:
- Michael Talbot, Antonio Vivaldi, Insel.
- Michael Stegemann, Antonio Vivaldi, Rowohlt.
- Walter Kolneder, Antonio Vivaldi, Noetzel.

Mittwoch, 05.01.2011

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