Tavener, John (*1944)

kultur 84 - März 2012

Der in London geborene Komponist kam schon früh mit Werken von Purcell, Mozart, Strawinsky, Bruck­ner, Händel und Bach in Berührung. Taveners Eltern förderten seine Musikalität und er begann bald auf dem Klavier zu improvisieren und zu komponieren. Mit fünfzehn Jahren wurde er Organist und Chorleiter an der St. John´s Presbyterian Church in Kensington. Tavener studierte Klavier, Orgel und Komposition an der Highgate School, später an der Royal Academy of Music (1961 – 65). Er wurde von Solomon unterrichtet und wollte ursprünglich Konzertpianist werden. Durch seine schwache Konstitution aufgrund des Marfan-Syndroms entschied er sich jedoch, Komponist zu werden. An der Royal Academy studierte er Komposition bei Lennox Berkeley und er erhielt Unterricht von dem australischen Komponisten David Lumsdaine. Letzterer machte ihn mit Werken von Boulez, Messiaen und Ligeti bekannt. Noch als Student gewann Tavener 1965 mit seiner Kantate Cain and Abel den Prince Rainier III of Monaco Prize.
Die 1968 beim Gründungskonzert der London Sinfonietta uraufgeführte Kantate The Whale machte Tavener schlagartig bekannt. Die Presse sprach von der musikalischen Entdeckung des Jahres und zählte ihn zu den besten schöpferischen Talenten seiner Generation. Die Beatles wurden auf den Komponisten aufmerksam und schlossen mit ihm einen Plattenvertrag bei ihrem Label Apple Records.
1969 wurde Tavener Professor für Komposition am Trinity College of Music in London. Benjamin Britten bot ihm im selben Jahr an, eine abendfüllende Oper für das Royal Opera House zu schreiben. Eine länger andauernde schöpferische Krise verzögerte die Entstehung seiner Oper Thérèse, die schließlich 1979 uraufgeführt wurde.
Bereits 1977 war Tavener zur orthodoxen Kirche konvertiert. Seine Faszination für die Riten und die Musik dieser Glaubensrichtung äußerte sich schon ein Jahr zuvor in der Komposition Canticle of the Mother of God. In den 1980er Jahren konzentrierte sich Taverner überwiegend auf die Komposition geistlicher Chormusik. Funeral Ikos und The Great Canon of St. Andrew of Crete (beide aus dem Jahre 1981) sind unter dem Einfluss der orthodoxen Liturgie von melodischer und harmonischer Schlichtheit geprägt. Zu den größeren Werken dieser Art gehören Ikon of Light (1984) und Akathist of Thanksgiving (1986/87). Viele kleinere, bei den englischen Chören beliebte Stücke festigten seinen Ruf als führender Komponist orthodoxer Kirchenmusik. Mutter Thekla, Äbtissin des orthodoxen Klosters von Normanby in Yorkshire, schrieb für viele von Taveners Chorwerken die Texte. Auch die Oper St. Mary of Egypt (1991) gründet auf dieser Zusammenarbeit.
Der große Erfolg der Uraufführung seines Cellokonzerts The Protecting Veil (1987) mit dem Cellisten Steven Isserlis veranlasste Tavener, der Instrumentalmusik wieder größere Aufmerksamkeit zu widmen. Es entstanden Werke wie The Repentant Thief für Klarinette und Streicher (1990) und die Orchesterwerke Theophany (1993) und Diodia (1997).
International bekannt wurde Taverner durch sein Chorstück Song for Athene, das beim Begräbnis von Prinzessin Diana 1997 in Westminster gesungen und weltweit übertragen wurde. 1999 komponierte Tavener das Stück Prayer of the Heart für Björk, das erstmalig 2001 bei der Ausstellung "heartbeat" von Nan Goldin aufgeführt wurde. Im Jahr 2000 wurde der Komponist zum Ritter geschlagen.
Die Auseinandersetzung mit Theologie und dem Schaffen von Fritjof Schuon führte zur Komposition der groß angelegten Schuon Lieder (2004). Bereits ein Jahr zuvor erschien das in voller Länge acht Stunden dauernde Werk The Veil of the Temple. Seine Kompositionen beziehen nun eine größere Vielfalt spiritueller und musikalischer Quellen ein, unter ihnen solche aus dem Islam, Buddhismus und Hinduismus.
In vielen seiner frühen Vokalwerke verwendet Tavener Collagetechniken und blockhaft statische Formen. Eine Vorliebe für wuchtige, breitangelegte Kompositionen zeigt sich beispielsweise in Ultimo Ritos (1972). Seine musikalische Sprache wandelte sich allmählich in eine asketische „Strenge“ mit einer leicht fasslichen Gliederung und klaren Form. Tavener verwendet in seinen Kompositionen einen großen Klangraum und ist bekannt für extrem langsame Tempi.
Tavener hatte einen Schlaganfall in seinen dreißiger Lebensjahren, eine Herzoperation und eine Tumorentfernung in den Vierzigern und er erlitt zwei aufeinanderfolgende Herzattacken, die ihn sehr gebrechlich machten.
Den Einzelgänger Tavener kann man in einem Filmporträt von Bryan Izzard aus dem Jahre 2007 näher kennenlernen. „Mit sympathischer Offenheit spricht Tavener über seine Biografie und die Hinwendung zur östlichen Religion, begründet seine Vorliebe für langsame Tempi („mein Herz schlägt im Tempo vierzig“) und für Themen, die den Menschen im Spannungsfeld von Sinnlichkeit und Spiritualität zeigen.“ (Max Nyffeler) E.H.

Hörtipps:
- Requiem; Elin Manahan Thomas, Andrew Kennedy, Josephine Knight, Royal Liverpool Philharmonic Choir and Orchestra, Vasily Petrenko, EMI.
- The Protecting Veil, The Last Sleep oft the Virgin; Rudolf Werthen, I Fiamminghi, The Orchestra of Flanders, Telarc.
- Ikon of Light, Two Hymns to the Mother of God, Today the Virgin, The Tyger, The Lamb, Eonia; The Sixteen, Harry Christophers, Coro.

Donnerstag, 12.09.2013

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