Skrjabin, Alexander (1871 - 1915)

kultur 80 - November 2011

„Nur meine Musik drückt das Unaussprechliche aus“, so rühmte sich der russische Komponist und Pianist Alexander Skrjabin einmal im Zusammenhang mit seiner 6. Klaviersonate. Und über sein Klavierspiel äußerte sich der Moskauer Musikkritiker Matthias Presman: „… das Klavier klang bei ihm unvergleichlich. Er konnte aus ihm fast alle Orchesterfarben herauslocken und tat es mit viel Brillanz. Wenn man noch hinzufügt, daß er das Pedal bewunderungswürdig beherrscht, so wird jedem die Erscheinung des Pianisten Skrjabin deutlich.“
Skrjabin war der Sohn eines Juristen und Diplomaten und einer Konzertpianistin. Da seine Mutter bereits ein Jahr nach seiner Geburt starb, wuchs Alexander bei seiner Tante Ljubow und seiner Großmutter und deren Schwester auf. Zum Klavier hatte der Junge schon früh eine innige Beziehung – es wurde zu seinem wichtigsten Ausdrucksmittel. Den ersten Unterricht auf diesem Instrument erhielt er von seiner Tante. Mit sieben Jahren begann Alexander, Spielzeugklaviere zu basteln und kleine Dramen zu verfassen. Mit zehn Jahren besuchte er seine erste Schule, die Moskauer Kadettenschule. Seit 1883 war Georgi Konjus Skrjabins Klavierlehrer. Die Vorbereitung auf das Konservatorium übernahm der renommierteste Moskauer Privatmusiklehrer dieser Jahre, Nikolai Swerjew.
1888 ging Skrjabin an das Moskauer Konservatorium. Seine Theorielehrer waren dort Sergej Tanejew und Anton Arenski; Klavierunterricht erhielt er von Wassili Safonow, Alexander Siloti und Paul Schloezer. Im Frühjahr 1892 schloss Skrjabin sein Klavierstudium erfolgreich ab und trat seitdem regelmäßig in den Musikzentren Russlands als Konzertpianist auf – später auch in den Metropolen Westeuropas und in den USA. Mit dem Ende seines Studiums spielte Skrjabin keine fremden Werke mehr in der Öffentlichkeit, sondern nur noch seine eigenen Kompositionen. Von dem Verleger Beljajew wurde er entscheidend darin gefördert, auch im Ausland aufzutreten. Nachdem er sich in seinen ersten großen Konzerten dem Publikum präsentiert hatte, galt Skrjabin bald als neuer Star. Durch eine Verletzung und Entzündung seiner rechten Hand, deren Heilung lange Zeit beanspruchte, entstanden seine bisher virtuosesten und kunstvollsten Stücke für nur eine Hand, die ihm weltweit Geltung verschafften.
Zu Beginn seiner Laufbahn war der Komponist bald ein anerkannter Meister der pianistischen Kleinformen. In seinen Klavierwerken die bis 1894 entstanden, entfaltete Skrjabin den pianistischen Ausdruck, danach entwickelte er individuell neue Formen. Auf seine Orchesterkompositionen bereitete er sich gewissermaßen durch die 1896-1902 entstandenen orchestralen Klavierwerke vor. Die darin verwirklichte Mehrdimensionalität wird im sogenannten Spätwerk zur Regel. Geradezu grenzüberschreitend sind vor allem zwei Klavierwerke, welche Töne fordern, die es auf den 88 Tasten eines normalen Klaviers oder Flügels nicht gibt: das letzte der 4 Préludes op. 39 und die 6. Sonate op. 62.
1898 wurde Skrjabin – in der Nachfolge von Paul Schloezer – zum Professor für Klavier am Moskauer Konservatorium ernannt. In dieser Funktion war er bis zum Frühjahr 1902 tätig. Eine wichtige Mäzenin des Komponisten wurde Margarita Morosowa. Sie unterstütze Skrjabin finanziell durch ein monatliches Stipendium und ermöglichte ihm im Januar 1904 den vorübergehenden Umzug in die Schweiz.
1908 lernte Skrjabin Sergei Kussewitzki kennen, der sich als Dirigent höchste Verdienste in der Verbreitung des Orchesterwerks des Komponisten erwarb.
Von seiner 3. Sinfonie an überschreiten Skrjabins Orchesterwerke nicht nur die traditionellen Ausdrucksformen ihrer Gattung, sondern auch die traditionelle Besetzung eines Sinfonieorchesters. In seinem letzten vollendeten Orchesterwerk Promethée. Le Poème du feu findet sogar ein „Tastiera per luce“ (Lichtklavier) Verwendung. Zur New Yorker Aufführung dieses Werkes wurde eine von Wallace Rimington entwickelte Farbenorgel (s.u.) verwendet. Aber erst die moderne Lichttechnik machte den Sinn der „Luce“-Partitur verständlich. Im Rückblick auf diese Komposition sagte Skrjabin stolz: „Ich fand schließlich das Licht in der Musik; ich fand diesen Rausch, diesen Aufflug, dieses atemlose Glück, diese strahlende Harmonie, die die Idee des Lichts abbildet!“
Das gesamte musikalische Werk Skrjabins umfasst, neben Jugendwerken und Gelegenheitskompositionen ohne Opuszahl, 72 Opera. Seine harmonische Sprache unterliegt vielfältigen Wandlungen. Skrjabin entwickelte in seinen Kompositionen ein Rhythmusverständnis, das ein schwereloses Schweben der Musik zum Ziel hat. Beeinflusst durch die Lektüre philosophischer Schriften hat die Musik bei Skrjabin die Aufgabe, durch ihr Erklingen eine Befreiung und Bewusstseinserweiterung des Menschen zu erreichen. Als sein wichtigstes Werk plante Skrjabin das sogenannte Mysterium, das zu einer großen Ekstase und Erlösung der gesamten Menschheit führen sollte. Dieses unvollendete Projekt ist eine Art synästhetisch-liturgisches Ritual aus Tönen, Bewegungen, Düften, Farben, Körperkontakten und Geschma­cks­empfindungen.
Skrjabin starb im Alter von 43 Jahren an einer Blutvergiftung infolge eines Lippengeschwürs. Tausende Menschen begleiteten den Trauerzug, der zum Friedhof auf dem heute „Leninhügel“ genannten Gelände führte. Sergej Rachmaninow und Sergej Tanejew befanden sich unter den Sargträgern. E.H.


Lesetipp:
- Siegfried Schibli, Alexander Skrjabin und seine Musik, Piper.
Hörtipps:
- Le Poème de l’extase, Piano Concerto, Promethée, Anatol ­Ugorski, Chicago Symphony Orchestra, Pierre Boulez, DG.
- Sonatas for Piano Nos. 1-10, Anatol Ugorski, BR Klassik.

Donnerstag, 12.09.2013

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