Prokofjew, Sergej (1891 - 1953)

aus kultur Nr. 60 - 11/2009

„Wenn ein Komponist erklärt, er hätte endlich seine eigene Sprache gefunden, in der er sich nun äußern wolle, beginnt er augenblicklich, sich zurück­zuentwickeln.“ (S. Prokofjew)
Die musikalische Begabung des im ukrainischen Sonzowka geborenen Komponisten zeigte sich schon früh: Als Prokofjew fünf Jahre alt war, schrieb seine Mutter für ihn seine erste Komposition auf, einen „Indischen Galopp“. Die begeisterte Klavierspielerin gab ihrem Sohn den ersten musikalischen Unterricht. Angeregt durch eine Reise nach Moskau komponierte Prokofjew mit zehn Jahren seine erste Oper Der Riese. Auf den Rat des Komponisten Sergej Tanejew hin erhielt Prokofjew seit 1902 Unterricht von Reinhold Glière. Mit 13 Jahren bereitete er sich auf die Aufnahmeprüfung am Petersburger Konservatorium vor: Prokofjew trat erfolgreich vor den Prüfungsausschuss, der sich aus den Komponisten Nikolai Rimski-Korsakow, Alexander Glasunow und Anatoli Ljadow zusammensetzte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits vier Opern, eine Sinfonie, zwei Sonaten und zahlreiche Klavierstücke komponiert. 1909 machte er sein Examen und durfte sich seitdem „freier Künstler“ nennen. Anschließend setzte er seine Ausbildung in den Fächern Klavier (bei Anna Jessipowa) und Dirigieren (bei Nikolai Tscherepnin) fort. Den ersten öffentlichen Erfolg erzielte Prokofjew in dieser Zeit mit seinem Ersten Klavierkonzert (1913), bei dem er selbst als Solist auftrat. Mit der Interpretation dieses Werks gewann er auch bei der Abschluss­prüfung im Jahr darauf den Rubinsteinpreis, der mit dem Gewinn eines Konzertflügels der Firma Schröder verbunden war. Zum Abschluss seiner Studien schenkte ihm seine Mutter eine Reise nach London, auf der er zum ersten Mal den Literaten, Musiker, Maler, Graphiker, Kunsttheoretiker und Impresario der Ballets Russes (s.u.) Sergej Djagilew kennenlernte, mit dem er später mehrmals zusammenarbeitete.
1918 reiste Prokofjew nach Amerika, gab mehrere Konzerte und wurde vor allem als Pianist gefeiert. Da er als Komponist nicht die erwartete Anerkennung erfuhr, siedelte er 1920 nach Paris über, wo er sich in den folgenden Jahren überwiegend aufhielt. 1921 fand dort die erfolgreiche Premiere des Märchen vom Narren, der sieben Narren narrte mit den Ballets Russes statt. Am Ende desselben Jahres erfolgte die Uraufführung der Oper Die Liebe zu den drei Orangen in den USA, die seinen Ruf weiter festigte. Weil Prokofjew in Europa als Komponist zunehmend Anerkennung erfuhr, waren seine nächsten Konzertreisen durch die USA 1925 und 1929 äußerst erfolgreich. In sein Heimatland reiste Prokofjew erstmals wieder 1927. Seitdem pendelte der Komponist eine Zeitlang ständig zwischen Paris und Moskau, bevor er im Sommer 1936 endgültig nach Moskau übersiedelte. 1938 trat Prokofjew seine letzte Konzertreise ins Ausland an, die ihn nach Frankreich, in die Tschechoslowakei, nach England und in die USA führte.
Unmittelbar nach seinem Umzug in die Sowjetunion hatte der Komponist Aufträge für Film- und Schauspielmusiken angenommen. Besonders erwähnenswert ist die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Sergej Eisenstein für die Filme Alexander Newski und Iwan Grosny, für deren ersten Teil (von zwei) die Verantwortlichen 1946 mit dem Staatspreis ausgezeichnet wurden. Bereits drei Jahre zuvor wurde Prokofjew im Kreml der Rotbanner-Orden verliehen, nachdem er den Titel eines Verdienten Kunstschaffenden der RSFSR (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik) erhalten hatte.
Die letzte Lebensetappe war für den Komponisten eine schwere Zeit. Aufgrund seiner Krankheit (Hypertonie) durfte er sich nicht viel bewegen, kaum sprechen und nur wenig lesen. Seine rege Kompositionstätigkeit war dadurch stark eingeschränkt; trotzdem entstanden noch einige Werke. Prokofjew starb mit 61 Jahren am selben Tag wie Josef Stalin.
Prokofjew selbst hat seiner Musik vier Grundlinien zugeschrieben: Die „klassische“, die „moderne“, die „motorische“ und die „lyrische“ Linie. Seine Werke verwenden diese Linien in unterschiedlicher Ausprägung.
Die Kompositionen, die vor Prokofjews vorübergehender Emigration entstanden sind, wurden wegen ihrer in Russland für die damalige Zeit äußerst eigenwilligen und grotesken Ausdrucksweise überwiegend stark kritisiert. Die Uraufführung der Skythischen Suite im Jahre 1916 war der größte Skandal in der Geschichte der Aufführungen des Komponisten.
In Europa entstanden nach einigen Kompositionen des Übergangs (wie dem Dritten Klavierkonzert, das zu den bedeutendsten Werken seiner Gattung gehört) noch „modernere“ Stücke, in denen sich Prokofjew teilweise über die Tonalität hinwegsetzte.
Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion wurden seine Kompositionen volkstümlicher und dem breiten Publikum verständlicher. Seine letzten Werke sind von weiten Melodien und einer lyrischen Stimmung geprägt.
Aus seinem umfangreichen Schaffen gehört das Ballett Romeo und Julia zu den meistaufgeführten getanzten Werken in der ganzen Welt. Auch mit seinem sinfonischen Märchen Peter und der Wolf erlangte der Komponist Weltruhm. Neben der Oper Die Liebe zu den drei Orangen wurde das Bühnenwerk Semjon Kotko in den sechziger Jahren gleichsam neu entdeckt und auch die Oper Verlobung im Kloster erfreut sich wieder großer Beliebtheit. Der hervorragende Pianist schrieb auch unzählige Werke für Klavier. Die Erlebnisse der ersten Kriegsmonate fanden ihren Ausdruck in der sinfonischen Suite Das Jahr 1941. Seine Oper Krieg und Frieden wurde als Hymnus auf den großen Sieg des sowjetischen Volkes aufgenommen. E.H.

Hörtipps:
- Prokofjew spielt Prokofjew, Klavierkonzert Nr. 3, u.a., Naxos.
- Violinkonzerte Nr. 1 & 2, Violinsonate Nr. 2, Frank Peter Zimmermann, EMI.
- 7 Sinfonien, Lieutenant-Kijé-Suite, Berliner Philharmoniker, Seiji Ozawa, DG.
- Romeo & Julia, Cleveland Orchestra, Lorin Maazel, DECCA.

Lesetipps:
- Natalia Pawlowna Sawkina, Sergej Sergejewitsch Prokofjew, Schott.
- Thomas Schipperges, Sergej Prokofjew, Rowohlt.

Mittwoch, 05.01.2011

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