Piazzolla, Astor (1921 - 1992)

kultur 102 - Januar 2014

Der in Mar del Plata in Argentinien geborene Komponist, Dirigent und Bandoneon-Spieler war das einzige Kind von Vicente Piazzolla und Asunta Mainetti. Astor emigrierte bereits mit vier Jahren mit seinen Eltern in die USA, wo die Familie zwischen 1925 und ’36 in New York wohnte, unterbrochen von einer kurzen Rückkehr in die Heimatstadt im Jahre 1930. Piazzollas musikalische Begabung wurde früh erkannt; 1929 begann er seine musikalischen Studien bei verschiedenen Lehrern. In diesem Jahr hatte ihm sein Vater, der sich sehr für den Tango begeisterte, auch ein Bandoneon geschenkt. Bereits 1937, nach der Rückkehr der Familie in ihr Heimatland, war Piazzolla als Bandoneon-Spieler in Tango­orchestern in Buenos Aires tätig. Von 1939 – 44 war er Mitglied im Orchester von Anibal Troilo, für das auch seine ersten Arrangements entstanden. Gleichzeitig studierte er von 1940 – 46 bei A. Ginastera Komposition, Orchestrierung und Kontrapunkt. 1944 - 49 wurde ­Piazzolla Leiter und Arrangeur seines eigenen Tangoorchesters, mit dem er weitgehend den klassischen Tangostil pflegte. In der Folgezeit widmete er sich verstärkt der Komposition sowohl klassischer als auch Film-Musik. Gleichzeitig schrieb er weiterhin für namhafte Tangoorchester Arrangements.
1954 studierte er mit einem Stipendium am Pariser Conservatoire bei Nadia Boulanger. Diese hatte entscheidenden Einfluss auf Piazzollas weitere musikalische Entwicklung, indem sie ihn darin bestärkte, seine popularmusikalischen Wurzeln zu verfolgen. Nach seiner Rückkehr aus Europa gründete Piazzolla 1955 das Octeto Buenos Aires, mit dem er den tango nuevo (neuen Tango) begründete, der auch im Konzertsaal gespielt werden konnte. Nach einem kurzen Intermezzo in New York gründete Piazzolla das Quinteto Nuevo Tango in der Besetzung Bandoneon, Gitarre, Violine, Kontrabass und Klavier. Diese Instrumentenkombination wurde zum Standard moderner Tangoensembles.
In den 1960er Jahren entstand Piazzollas eigener Stil, der kammermusikalisch ist und häufig kontrapunktische Techniken verwendet. Zu Beginn der 1970er Jahre erweiterte er sein Ensemble zu dem Nonett Conjunto 9. Für diese neunköpfige Besetzung komponierte ­Piazzolla formal und rhythmisch freiere Werke, die man als tango de vanguardia (Avantgarde-Tango) bezeichnen kann.
Einen Markstein in der Geschichte des Tango stellt die „operita“ (kleine Oper) Maria de Buenos Aires (1968) dar, die Piazzolla zusammen mit dem Dichter Horacio Ferrer schrieb. Durch die enge Zusammenarbeit mit Ferrer entstand schließlich ein neuer gesungener Tango, der sich völlig von der traditionellen Gattung unterschied. Mit der Balada para un loco (1969) erlangte der Komponist auf diesem Gebiet erstmals breite Popularität.
1974 ließ sich Piazzolla in Italien nieder und spielte dort mehrere LPs ein. In seinen Studio-Ensembles verwendete der Komponist nun auch elektronische Instrumente und veränderte so nochmals seinen Musikstil. Beispielhaft dafür ist die Suite Troileana.
1978 besetzte er sein akustisches Quintett um und erneuerte teilweise das Repertoire. Mit dieser Gruppe unternahm er internationale Tourneen. Das letzte Album, das von diesem Quintett eingespielt wurde war La Camorra aus dem Jahre 1988. Im selben Jahr musste sich Piazzolla einer Herz- und Gefäßoperation unterziehen, woraufhin er das Quintett auflöste. Nachdem er im Jahr darauf für kurze Zeit ein Sextett mit zwei Bandoneons, Cello, E-Gitarre, Klavier und Kontrabass leitete, erlitt er in Frankreich einen Gehirnschlag und war bis zu seinem Tode bettlägerig.
Die Entwicklung des Tangos wurde von Astor Piazzolla entscheidend geprägt. Während der Tango ursprünglich nur als Unterhaltungsmusik galt, machte der Komponist diesen Tanz konzertfähig. Viele seiner Tangos sind nicht mehr im traditionellen Sinne tanzbar, sondern in erster Linie Musik zum Zuhören. Piazzolla weitete nicht nur die Spieltechnik der Instrumente aus, sondern verband den Tango auch mit der akademischen Tradition, der Jazz- und Neuen Musik.
Piazzolla erhielt erst spät die ihm entsprechende Anerkennung; viele seiner klassischen Werke werden noch heute aufgeführt und wurden von namhaften internationalen Interpreten eingespielt. E.H.

Hörtipps:
- Libertango; Piazzolla; Tropical Music.
- Tango Nuevo; Cotik, Lin; Naxos.
- Sinfonia Buenos Aires; Binelli, Yang, Nashville Symphony Orchestra, Guerrero; Naxos.

Dienstag, 25.02.2014

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