Glass, Philip (*1937)

aus: kultur Nr. 9 - 7/2004

Mit dem Namen des in Baltimore geborenen amerikanischen Komponisten ist der Begriff Minimal music untrennbar verbunden. Philip Glass gilt als Mitbegründer dieser speziellen Musikrichtung, deren Bezeichnung sich in Anlehnung an eine moderne Kunstrichtung, der Minimal Art, herausbildete. Minimal Music verwendet nur geringes kompositorisches Material, das mit leichten Variationen kontinuierlich wiederholt wird. Dadurch entstehen Klangprozesse, die einen meditativen Charakter haben.
Die wichtigsten Anregungen zu dieser Schreibweise erhielt Glass nach eigenen Aussagen durch den nach seinem Kompositionsstudium absolvierten Unterricht bei Nadia Boulanger in Paris sowie seine Begegnung mit dem indischen Sitar-Spieler Ravi Shankar und dem Tabla-Spieler Alla Rankha. Die Komposition von Schauspielmusiken für eine Theatergruppe stand für Philip Glass gleichberechtigt neben der von Konzertmusik für ein von ihm gegründetes Glass-Ensemble. Aus der gegenseitigen Befruchtung dieser Arbeiten entwickelte sich sein ihm eigener Stil. Die logische Folge aus der Verbindung dieser beiden Bereiche war die Komposition von Opern, von denen Glass die Werke „Einstein on the Beach“, „Satyagraha“ und „Echnaton“ zu einer Trilogie zusammenfasste. Berühmt wurde Glass auch durch die Komposition von Filmmusik, beispielsweise zu „Koyaanisqatsi“ (1981), „Kundun“ (1997), teilweise zu „The Truman Show“ (1998) und zu „The Hours“ (2002). Durch die monoton-hypnotische Wirkung seiner Musik ist Philip Glass vor allem bei jüngeren Menschen sehr beliebt und zählt heute zu den populärsten Gegenwartskünstlern.

Das Bonner Opernhaus widmet sich in diesem Jahr einem Werk aus Glass' Operntrilogie. Die Premiere von „Satyagraha“ findet am 13. Juni statt. Diese Oper handelt von Mahatma Gandhis Zeit in Südafrika von 1893-1913, die sein Leben völlig veränderte. Der gelernte Jurist rief aufgrund der völlig rechtlosen und erniedrigenden Situation der dort lebenden Inder eine gewaltlose Bürgerbewegung der Gehorsamsverweigerung ins Leben, die er Satyagraha nannte. Die Oper beleuchtet schlaglichtartig wichtige Stationen dieser Lebensphase, die wie im Zeitraffer auf einen Tag vom Morgen bis zum Abend verteilt werden. Als stumme Zeugen des Geschehens treten im Laufe der Oper drei Persönlichkeiten in Erscheinung, welche die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft repräsentieren. Diese sind: Im ersten Akt Graf Leo Tolstoi, mit dem Ghandi bis zu dessen Tod im Jahre 1910 in Briefkontakt stand und dessen Haltung ihn zu seiner Idee der Nichtgewalttätigkeit inspirierte. Im Zweiten Akt Rabindranath Tagore, der bengalische Dichter und Gelehrte, mit welchem Ghandi eine lebenslange Freundschaft verband und den er als einzige moralische Autorität anerkannte. Im dritten und letzten Akt Martin Luther King jr., der Ghandis Ideen in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung fortführte.
Der Text zu der Oper ist der „Bhagavad Gita“ entnommen, einem der populärsten religiös-philosophischen Werke in Indien, und in der Originalsprache Sanskrit belassen worden. Satyagraha beginnt mit der mythischen Szenerie dieser Vorlage, in der sich zwei Armeen zum Kampf nähern. Prinz Arjuna, dem Anführer einer dieser Armeen, kommen Zweifel bezüglich des Kampfes, als er Freunde und Verwandte in der feindlichen Armee entdeckt. Mit Lord Krishna, seinem Berater, setzt er sich daraufhin über den relativen Wert von Handeln und Nichthandeln auseinander. Das Ergebnis des folgenden Dialogs ist, dass Handeln der bessere Weg ist, obwohl beide Vorgehensweisen zur Befreiung führen können. Auf die Essenz dieses Textes hat sich Ghandi sein ganzes Leben lang berufen. In der Oper stehen sich - in Adaption an das weitere Geschehen auf der Bühne - eine Armee von Europäern und eine Armee von Indern in Südafrika gegenüber.
Ein auffälliges Merkmal der Oper ist der häufige Auftritt des Chores, in insgesamt vier von sieben Szenen, was an die Mitwirkenden sehr hohe Anforderungen stellt. Die Solostimmen bewegen sich innerhalb ihrer jeweiligen Stimmgrenzen, jedoch wird ihnen durch die Menge andauernden Singens ebenfalls viel abverlangt. Auch der Orchesterpart, bestehend aus einer dreifachen Besetzung der Bläser, einer vollen Streicherbesetzung und einer elektrischen Orgel, ist äußerst anspruchsvoll. Glass selbst war an der erfolgreichen Produktion und Inszenierung der Uraufführung am 5. September 1980 in Rotterdam beteiligt. Den darauf folgenden Neuinszenierungen und jeweils eigenen Interpretationen von Satyagraha steht er aufgeschlossen und interessiert gegenüber. E.H.

Glass zum Nachlesen:
Philip Glass, Musik: Philip Glass, Taschenbuch.
Philip Glass, The making of an Opera (1993).

Glass zum Hören:
The Essential Philip Glass, Sony.
The Photographer, Sony.
Satyagraha, Sony.
Violin Concerto, Gidon Kremer, Deutsche Grammophon.

Dienstag, 25.02.2014

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