Mussorgsky, Modest (1839 - 1881)

aus kultur Nr. 37 - 5/2007

„Nicht Musik, nicht Worte, nicht Palette und Meißel brauchen wir - nein, der Teufel hole euch allesamt, ihr Lügner, Heuchler e tutti quanti; bietet uns lebendige Gedanken, führt ein lebendiges Gespräch mit den Menschen, ganz gleich, welches Thema ihr für das Gespräch mit uns auch wählen mögt! Mit hübschen Klängen allein läßt sich nichts erreichen...“ Diese bezeichnenden Worte richtete der russische Komponist und Pianist Modest Mussorgsky an seinen Freund Wladimir Stassow.
In dem kleinen Dorf Karewo (Kreis Toropez/Gouvernement Pskow) wurde Mussorgsky als Sohn eines Gutsbesitzers und leidenschaftlichen Musikfreundes geboren. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er von seiner Mutter. Später wurde er von dem damals berühmten Pianisten und Klavierlehrer Anton Herke unterrichtet. Bald entstanden auch ers­te Kompositionen.
Trotz seiner offensichtlichen musikalischen Begabung entschied sich Mussorgsky zunächst für eine militärische Laufbahn. 1852 trat er in eine Junkerschule und 1856 in das Preobrashenski-Regiment der Leibgarde ein. Bereits zwei Jahre später beendete er seinen militärischen Dienst.
Ebenfalls im Jahre 1856 lernte Mussorgsky Alexander Dargomyschski und den Chemiker Alexander Borodin kennen, im Jahr darauf Milij Balakirew und den Ingenieur für militärischen Festungsbau César Cui. Zusammen mit dem Marineoffizier Nikolai Rimsky-Korsakow und weiteren musikbegeisterten Teilnehmern bildete diese Gruppe, deren Kopf Balakirew war, die sogenannte Neue Russische Schule, oft auch als „Mächtiges Häuflein“ bezeichnet. Eine „Schule“ im eigentlichen Sinne war dieser Kreis jedoch nicht, denn Technik und exakte musiktheoretische Kenntnisse erschienen den Mitgliedern als Hindernis für spontane musikalische Äußerungen, schöpferischen Instinkt und Intuition. Für die Gruppe stand die Wahrheit des musikalischen Aus­drucks und der musikalischen Darstellung im Vordergrund, die sich ihrer Meinung nach am besten in national-volkstümlichen Sujets widerspiegelten. Der von diesen Ideen begeisterte Wladimir Stassow unterstützte den Balakirew-Kreis literarisch.
Weil durch die Aufhebung der Leibeigenschaft große Teile des Familienvermögens verloren gingen, arbeitete Mussorgsky von 1863 bis 1879 in einer untergeordneten Beamtenstellung. 1879 machte er zusammen mit der Sängerin Darja Leonowa eine dreimonatige Konzertreise durch Russland, die Ukraine, auf die Krim und in die Don- und Wolgagebiete. Als Mitarbeiter und Assistent der Sängerin, die eine Musikschule eröffnet hatte, verdiente sich Mussorgsky in seinen letzten Jahren den Lebensunterhalt. 1881 erlitt er einen Anfall von Delirium tremens, an den Folgen seiner Trinksucht starb der Komponist schließlich am 16. August desselben Jahres.
Neben seiner bekanntesten Oper "Boris Godunow" (nach Puschkin, 1868-72) komponierte Mussorgsky außer den unvollendeten Opern "Salammbo" (nach Flaubert), "Chowanstschina" und "Der Jahrmarkt von Sorotschinzy" (nach Gogol) vor allem Lieder und Klaviermusik. Berühmtheit erlangte auch sein Orchesterwerk "Die Nacht auf dem Kahlen Berge" und das Klavierwerk "Bilder einer Ausstellung". Letzteres erfuhr zahlreiche Bearbeitungen, unter ihnen eine Orchesterfassung von Maurice Ravel im Jahre 1922 und eine Umsetzung des Werkes durch die Rockgruppe Emerson, Lake & Palmer 1971.
Mussorgskys Freundschaft mit Rimsky-Korsakow hat sich tiefgreifend auf die Rezeption seines Oeuvres ausgewirkt. Der Komponistenfreund bearbeitete nicht nur unzählige seiner Werke, die nach Mussorgskys Tod in dieser Form veröffentlicht wurden; er schuf auch als erster eine Fassung der unvollendet gebliebenen Oper "Chowanstschina". (Die Oper "Der Jahrmarkt von Sorotschinzy" wurde zuerst von César Cui vollendet.) Rimsky-Korsakows „Verdienste“ sind äußerst umstritten. Die jahrelang als dilettantisch (s.u.) abgestempelte musikalische Technik Mussorgskys gilt heutzutage als weit ihrer Zeit vorausgreifend. Die Originalfassungen seiner Werke unterscheiden sich erheblich von den vorgenommenen Bearbeitungen.
Weder im Stil seiner Kompositionen noch in seinen musikalischen Ansichten lässt sich Mussorgsky einer bestimmten Richtung zuordnen. Für ihn ist die Kunst ein Mittel für das Gespräch mit den Menschen. Seine Musik ist ursprünglich und lebendig, der Komponist verwendet ebensolche Bilder und individuelle Gestalten. In seinen Werken lässt sich eine gewisse Vorliebe zu außergewöhnlichen Typen und extremen Situationen beobachten. Die unmittelbare Wahrhaftigkeit des Ausdrucks steht für Mussorgky an erster Stelle - sie allein gibt die Wahl seiner Mittel vor. Die Intensität seiner musikalischen Ausdruckskraft folgt dabei dem immer wieder ausgesprochenen Grundsatz „Zu neuen Ufern!“. E.H.

Zum Nachlesen:
Modest Mussorgski, Zugänge zu Leben und Werk, Verlag Ernst Kuhn.
Zum Nachhören:
Mussorgsky, Bilder einer Ausstellung (Orch. Fass.), Eine Nacht auf dem kahlen Berge, Chowanschtschina-Vorspiel und Rimsky-Korsakow, Scheherazade, Capriccio espagnol, Oslo PO, London PO, Jansons, EMI.
-, Boris Godunow (Ausz.), Ghiaurov, Wischnewskaja, Gedda, Plishka, Riegel, National SO, Rostropovich, Apex.
-, Chowanschtschina, Lipovsek, Burchuladze, Atlantov, Haugland, Popov, Orchester der Staatsoper Wien, Abbado, Deutsche Grammophon.

Mittwoch, 05.01.2011

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