Messiaen, Olivier (1908 - 1992)

aus kultur Nr. 49 - 9/2008

Olivier Eugène Prosper Charles Messiaen gilt als einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Obwohl er in Avignon geboren wurde, bezeichnete er später Grenoble als seinen „wahren“ Geburtsort; mit der dortigen Landschaft und grandiosen Bergwelt fühlte er sich Zeit seines Lebens tief verbunden. Messiaens Vater war Englischprofessor und übersetzte die Werke Shakespeares ins Französische, seine Mutter, Cecile Sauvage, war Dichterin. Von ihr wurde Messiaen nach eigenen Aussagen maßgeblich geprägt, sie hat ihn „... in einem Klima von Poesie und Märchen erzogen, das unabhängig von [der] Berufung zum Musiker, der Ursprung von all dem war, was ich später gemacht habe.“ Seit seinem achten Lebensjahr interessierte sich Messiaen außergewöhnlich für Musik; er begann autodidaktisch Klavier zu spielen und erhielt bald darauf Unterricht. Nach dem Umzug der Familie nach Paris im Jahre 1919 besuchte Messiaen das Conservatoire, an dem er bis 1930 Klavier und Schlagzeug bei Maurice Emmanuel, Orgel und Improvisation bei Marcel Dupré sowie Komposition und Instrumentation bei Paul Dukas studierte. 1931 wurde Messiaen für insgesamt 55 Jahre Organist an der Pariser Église de la Sainte-Trinité. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft in Görlitz wurde der Komponist 1941 Professor am Conservatoire. Zu seinen Schülern gehörten u.a. Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen, Iannis Xenakis und seine zweite Frau, die Pianistin Yvonne Loriod.
Messiaens grundlegendes theoretisches Werk "Technique de mon langage musical" (Technik meiner musikalischen Sprache), in dem er seine harmonischen und rhythmischen Innovationen darlegte, erschien 1944. Der Komponist fühlte sich allerdings nicht an eine bestimmte Technik gebunden. Seine Klavieretude "Mode de valeurs et d’intensités" aus dem Jahre 1951, der er selbst für sein Gesamtwerk keine so große Bedeutung beimaß, beeinflußte maßgeblich die serielle Musik.
Seit 1949 lehrte Messiaen auch im amerikanischen Tanglewood und bei den Kranichsteiner Ferienkursen für Neue Musik.
Hauptsächlich drei Aspekte sind in Messiaens Gesamtwerk, das Kompositionen für Orgel, Klavier, Vokalmusik, Chorwerke, Kammermusik, Orchesterwerke und eine Oper umfasst, von entscheidender Bedeutung: der Gesang der Vögel, der katholische Glaube und die geistige Verbindung von Klängen mit Farben:
Als Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg entstand das "Quatuor pour la fin du temps", das am 15.01.1941 vor 5000 Gefangenen des Lagers uraufgeführt wurde. Dieses Werk enthielt erstmals eine große Anzahl von transkribierten Vogelrufen. Die verschiedensten Vogelstimmen, die der Komponist seitdem immer wieder in seine Musiksprache einfließen ließ, zeichnete Messiaen auf zahlreichen Reisen rund um die Welt auf. Im Laufe der Jahre war er dadurch in der Lage, etwa 700 Vogelrufe zu unterscheiden.
Der katholische Glaube findet u.a. Ausdruck in dem Oratorium "La transfiguration de Jésus-Christ" (1969), dem neunteiligen Orgelzyklus "Méditations sur le mystère de la Sainte Trinité" (1971) und in seiner Oper "Saint François d’Assise", die von 1975-83 im Auftrag des Intendanten der Pariser Oper Rolf Liebermann entstand.
Die Verbindung von Klängen mit Farben beschreibt Messiaen folgendermaßen: „Wenn ich Musik höre, sehe ich dabei entsprechende Farben. Es handelt sich um ein inneres Sehen, um ein Auge des Geistes. Es sind wunderbare, unaussprechliche, außerordentlich verschiedene Farben. Wie die Töne sich regen, verändern, sich bewegen, so bewegen sich diese Farben mit ihnen in fortwährenden Verwandlungen.“
Fast alle Vokalwerke Messiaens sind mit eigenen Texten unterlegt. Vielen Kompositionen sind Kommentare in Form von Prosagedichten vorangestellt. Die 1948 vollendete "Turangalila-Symphonie" gilt als größtes und bedeutendstes Orchesterwerk Messiaens. Es ist eines der Werke in dem der Komponist die Ondes Martenot (s.u.) verwendet.
Für seinen Schüler Iannis Xenakis war Messiaen „... die Sonne, die die Musik der Vergangenheit und der Zukunft in einem edlen Licht und voller Liebe erstrahlen ließ, den Regenbogen der klingenden Kirchenfenster gleich, die er so sehr geliebt hat. Die überwältigendste Wahrheit, die er durch seinen Unterricht und seine Musik enthüllt hat, war, daß in der Musik (wie auch in allen anderen Künsten und Wissenschaften) alles möglich ist, wenn man es aus einer inneren Notwendigkeit heraus schafft - jenseits ästhetischer und ideologischer Dogmen, mit der Begabung, in der die Intuition und das Rationale aufeinander gründen, als einzigem Leitstern.“
Auf eine Frage des Musikkritikers Fred Goldbeck antwortete Messiaen: „Ich weiß beim besten Willen nicht, ob ich eine Ästhetik habe. Aber ich kann wohl sagen, daß meine Vorliebe einer farblich schillernden, verfeinerten, ja wollüstigen Musik gehört; einer Musik, die die Zartheit und Heftigkeit, Liebe und Ungestüm kennt; einer Musik, die den Hörer hin und her wiegt, die sich aussingt; einer Musik, die von frischem Blut belebt wird, deutliche Gesten kennt, einen zuvor nie gekannten Duft verströmt, einem ruhelosen Vogel gleicht; einer Musik in der Art von Kirchenfenstern, in denen Komplementärfarben in wirbelnde Bewegung geraten zu sein scheinen; einer Musik, die die Begrenzung der Zeit und ihre Allgegenwart spürbar werden läßt; einer Musik, die einem theologischen Regenbogen gleicht.“ E.H.

Zum Nachhören:
- Turangalila-Symphonie, Yvonne Loriod, Jeanne Loriod, Orchestre de l’Opéra Bastille, Myung-Whun Chung, DG.
- Messiaen par lui-même, Orgelwerke, EMI.
- Éclairs sur l’Au-delà, Berliner Philharmoniker, Simon Rattle, EMI.

Zum Nachlesen:
Heinz-Klaus Metzger, Olivier Messiaen, edition text+kritik.
Theo Hirsbrunner, Olivier Messiaen, Laaber.
Hill/Simeone/Irgang, Messiaen, Schott.

Mittwoch, 05.01.2011

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