Méhul, Etienne-Nicolas (1763 - 1817)

kultur 95 - April 2013

Der in Givet, Département Ardennes, geborene Komponist erhielt seinen ersten Musikunterricht von einem Organis­ten seiner Heimatstadt. Mit etwa zwölf Jahren wurde er in die Abtei von Laval-Dieu aufgenommen; dort konnte er seine musikalische Ausbildung bei dem schwäbischen Organisten Wilhelm Hanser fortsetzen. 1778 oder ‘79 ging Méhul nach Paris, wo ihn J.-Fr. Edelmann unterrichtete. Sein Debut als Komponist gab Méhul im Concert spirituel mit der Ode sacrée im Jahre 1782. Ein Jahr später sowie 1788 veröffentlichte Méhul zwei Sammlungen mit Klaviersonaten und verschiedene Bearbeitungen für Klavier aus Opern und Balletten u.a. von Gluck, Edelmann und J.-B. Lemoyne. Zusammen mit dem Librettisten ­François-Benoît Hoffman entstand Méhuls erste Oper Euphrosine (1790), durch die der Komponist schlagartig berühmt wurde.
Während des revolutionären Jahrzehnts komponierte Méhul zwölf weitere Opern. Ernst Ludwig Gerber berichtete im „Neuen historisch biographischen Lexikon“, Méhul „glänzt gegenwärtig (1800) zu Paris, als Professor am National-Musik-Institute, als pensionirter Komponist an der Opéra-Comique, und überhaupt als officiel erklärter Komponist vom ersten Range“. Seit April 1794 erhielt Méhul, unabhängig von der Honorierung seiner Opern, eine jährliche Pension von der Opéra-Comique. Im Jahr darauf wurde er als erster Musiker in die Classe des Beaux-Arts des Institut de France berufen. Zwischen 1793 und 1815 schuf Méhul zahlreiche Kompositionen für staatliche Feierlichkeiten. Von Napoleon wurde der Komponist 1804 als erster Musiker in die Légion d’honneur aufgenommen. Seine Oper Joseph (1807) wurde mit dem Prix décennal ausgezeichnet. Nach der Thronbesteigung Ludwigs XVIII. wurde Méhul zum „surintendant honoraire de la musique du roi“ ernannt.
Seine letzten Lebensjahre waren von finanziellen Sorgen und einer Tuberkuloseerkrankung überschattet.

Im ausgehenden Ancien Régime öffnete sich Frankreich im Bereich der Musik einer Vielfalt neuer Stile von der italienischen Oper bis zu den Symphonien Haydns und deutscher Klaviermusik. Méhul trug wesentlich zur Ausgestaltung der französischen Musik bei. Während der Französischen Revolution komponierte er Werke, die unmittelbar als symbolisch für die unruhige Zeit angesehen wurden. In seinen Opern führte er Techniken, die seit den 1780er Jahren entwickelt wurden, zu ihrem Höhepunkt, unter ihnen vor allem die Bereicherung des orchestralen Satzes. Méhul trat im französischen Musikleben ebenso als Komponist für die napoleonischen Feierlichkeiten als auch als Pädagoge am Conservatoire hervor. In seinen letzten Lebensjahren hatte er unter der Differenz zwischen dem Geschmack des Publikums und seiner eigenen Begeisterung für die Neuerungen der musikalischen Sprache zu leiden. Méhuls hohe künstlerische Ansprüche verbanden ihn in enger Freundschaft mit Cherubini.
Bereits in seinen beiden ersten Opern führte Méhul dramaturgische Neuerungen ein. In Euphrosine verwendete er verschiedene Stile und Stratonice (1792) war eine der ersten Opéra comiques, die durchgehend ernst waren und sich einem antiken Thema widmeten. Das lange Duo aus dem dritten Akt von Euphrosine gilt als herausragendes Musikstück in der Geschichte der französischen Oper: Das unerbittliche Fortschreiten der Musik gipfelt in einer finalen Kadenz, deren Gewalt durch die dissonante Harmonik und das Klangvolumen des Orchesters einzigartig ist.
Im Dienste der dramaturgischen Entwicklung griff Méhul in seinen Opéra comiques oftmals auf eine offene und dynamische tonale Anlage zurück. Wie auch andere Komponisten setzte Méhul in seinen Bühnenwerken wiederkehrende Motive ein, aber er wendete dieses Verfahren am systematischsten an. Die Klangbilder, die in Méhuls Werken die Natur beschreiben, sind ein Reflex des Seelenzustandes der Figuren; so z.B. in der Ouvertüre zu Uthal, in der die Angst der Heldin Malvina, die sich im Wald verlaufen hat, mit einem Gewitter korrespondiert.
Seit der Jahrhundertwende orientierte sich der Komponist stärker an der leichten Opéra comique und kam damit dem Geschmack des Publikums nach. In diesen Komödien nahmen die gesprochenen Dialoge großen Raum ein. Durchkomponierte Musik erschien lediglich in den Akt-Finales und einigen Ensembles. Trotz zahlreicher Fehlschläge innerhalb dieses Genres gelangen Méhul u.a. mit L’Irato und vor allem mit Une folie (1802) auch einige große Erfolge. Ein Rondeau im Stil des Signalhorn-Blasens aus seiner letzten vollendeten Opéra comique La Journée aux aventures (1816) erlangte ungeheure Popularität beim Publikum.
In seinen Klaviersonaten, vor allem in den Werken der zweiten Sammlung, verwendet Méhul Techniken, die der Symphonie bzw. der Oper entlehnt sind: dynamische Kontraste, Tremoli, Trommelbässe in Oktaven, Unisono, massive Akkordik, abrupte Stille. In den vier Symphonien (1808-10) sind die zyklische Verwendung eines musikalischen Gedankens, die motivische Arbeit und das sichere Einsetzen klanglicher Effekte erkennbar. Zu Méhuls symphonischen Werken zählt auch die Ouvertüre La Chasse du jeune Henri (1797), die noch während des gesamten 19. Jahrhunderts gespielt wurde. E.H.

Hörtipps:
- Stratonice; Petibon, Beuron, Lescroart, Daymond, Cappella Coloniensis, Corona Coloniensis, William Christie; Erato.
- Symphonies Nos. 1 & 2; Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski; apex.
- Joseph in Ägypten; Welitsch, Günter, Generesch, Chor & Orchester des NWDR Hamburg, Schüchter; Welitsch, Traxel, Michaelis, RO Stuttgart, Rischner; Line.

Dienstag, 01.10.2013

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