Lortzing, Karl (1801 - 1851)

kultur 76 - Mai 2011

Johann Gottlieb Lortzing, der zunächst die Lederhandlung seines Vaters in Berlin übernommen hatte, entschied sich 1811, gemeinsam mit seiner Frau Charlotte Sophie Seidel, sein Hobby zum Beruf zu machen. Das Ehepaar versuchte seitdem sein Glück als professionelle Schauspieler und Sänger, was ein unstetes Wanderleben mit sich brachte. Sie folgten Engagements in Breslau, Coburg, Bamberg, Straßburg, Freiburg im Breisgau, Baden-Baden, Köln, Aachen, Düsseldorf, Bonn und Elberfeld. Ihr Sohn Albert stand bereits in Freiburg in Kinderrollen auf der Bühne; Anfang der zwanziger Jahre war er im Schauspiel als jugendlicher Bonvivant und in der Oper in Tenor- und Baritonpartien zu sehen.
Bereits in der preußischen Hauptstadt hatte Albert ersten Klavierunterricht von Johann Heinrich Griebel erhalten, später wurde er von dem Komponisten Friedrich Rungenhagen unterrichtet. Seine ersten Kompositionen waren die Vertonung einer Romanze des Grafen Stolberg und von Schillers Ballade Die Bürgschaft; außerdem komponierte Lortzing Schauspielmusiken. Größere Werke entstanden 1822 mit der Jubel-Ouvertüre über den „Dessauer Marsch“ und der Hymne für Soli, Chor und Orchester.
1824 heiratete er die Schauspielerin Rosina Regina Ahles, mit der er elf Kinder zur Welt brachte. Im selben Jahr entstand auch Lortzings ers­tes größeres Bühnenstück: das Singspiel (s.u.) Ali Pascha von Janina oder Die Franzosen in Albanien.
1826 siedelten Albert und seine Frau nach Detmold über, wo sie ein einträglicheres Engagement der Theatergesellschaft Pichlers erwartete. Die Unbequemlichkeiten eines Wanderlebens waren damit jedoch noch nicht beendet: Von Frühjahr bis Herbst gastierte die Truppe in Münster, Osnabrück und Bad Pyrmont.
In Detmold nahm Lortzing Instrumentationsstudien bei dem Musik­meis­ter Johann Adolf Dassel - 1828 entstand das zweiteilige Oratorium Die Himmelfahrt Jesu Christi.
Mit dem Liederspiel Der Pole und sein Kind aus dem Jahre 1832 wurde Lortzings Name zum ersten Mal in weiteren Kreisen bekannt.
1833 wechselte Lortzing nach Leipzig an das dortige Stadttheater. Zwei Jahre später entstand seine komische Oper Die beiden Schützen, die 1837 erfolgreich aufgeführt wurde. Im selben Jahr komponierte Lortzing die Oper Zar und Zimmermann, die Jahrzehnte hindurch ein Kassenschlager kleiner und großer deutscher Bühnen war. Seit den 40er Jahren wurde dieses Werk auch in anderen europäischen Ländern rezipiert. Gottfried Wilhelm Fink äußerte sich über diese Oper: „Sie will und sucht nichts, als angenehme, eingängliche Unterhaltung; sie zieht das Natürliche dem Gekünstelten vor.“
In den folgenden Jahren komponierte Lortzing die Bühnenwerke Camaro, Hans Sachs und Casanova, bevor 1842 Der Wildschütz über die Bühne ging.
1844/45 war Lortzing kurzfristig als Kapellmeister des Leipziger Theaters angestellt. Ihm wurde offiziell aus gesundheitlichen Gründen gekündigt - der Dreiundvierzigjährige litt seit einiger Zeit an Gicht. Um sich und seine Familie über Wasser zu halten, verdiente Lortzing zeitweilig seinen Lebensunterhalt als Notenkopist und durch Konzerte; auch eine Erbschaft half ihm vorübergehend aus der Misere. Der Erfolg seiner Oper Der Waffenschmied brachte ihm 1846 eine Anstellung im Theater an der Wien ein.
1850 stand Lortzing zum letzten Mal auf der Bühne – im selben Jahr trat er sein neues Amt als Kapellmeister an Berlins neugegründetem Friedrich Wilhelmstädtischen Theater an. Trotz dieser Anstellung war sein letztes Lebensjahr von großer materieller Not überschattet.
Sein letztes Bühnenwerk komponierte Lortzing in seinem Todesjahr 1851: Die vornehmen Dilettanten oder Die Opernprobe. Der Schauspieler und Komponist erlitt einen Schlaganfall - Benefizvorstellungen und Konzerte halfen der Witwe und ihren Kindern aus der größten Not.
Als Schauspieler genoss Lortzing eine uneingeschränkte Zustimmung des Publikums. Dafür waren vor allem sein Stegreifwitz und sein liebenswürdiges komödiantisches Talent verantwortlich. Sein Theaterspiel zeichnete sich durch eine „natürliche Frische und Spontaneität, eine glänzende Charakterisierungsgabe, Improvisationstalent und Witz“ aus (Hans Christoph Worbs).
Das Interesse an Lortzings Bühnenwerken blieb in Deutschland nahezu konstant – außerhalb des deutschen Sprachraums konnten sich seine Opern jedoch zu keiner Zeit recht durchsetzen. Die rasche Annahme seiner Werke beim Publikum gründete sich – neben der Stoffwahl – mit Sicherheit auch auf seine eigenen, mit großem handwerklichen Geschick verfassten Libretti. Wirkungssicher verfasste Lortzing wie kein anderer deutscher Opernkomponist viele „Evergreens“ der Opernwunschkonzerte.
„Lortzing beherrschte die schwere Kunst, populär zu schreiben, ohne trivial zu werden. Seine Melodik besitzt nicht den Adel Mozarts, nicht die Sektlaune Rossinis, nicht die leichtsinnige Behendigkeit Aubers. Aber sie hat einen Unterton gemütvoller Empfindung, einen treuherzigen Humor, der kleindeutschem Behagen besonders entgegenkommt. Lortzing ist ein Ludwig Richter der Musik, der Sänger des Anheimelnden, der Beschaulichkeit, des trinkseligen Frohsinns. Sein Schaffen wahrt selbst dort, wo es ans Philiströse grenzt, noch schlichte Natürlichkeit und frische Erfindung, weil es nicht in der Atmosphäre der Schreibstube, sondern in der Bühnenluft entstanden ist.“ (Helmut Schmidt-Garre) E.H.

Lesetipps:
- Hans Christoph Worbs, Lortzing, Rowohlt.
- Heinz Schirmag, Albert Lortzing, Glanz und Elend eines Künstlerlebens, Henschel.
Hörtipps:
- Zar und Zimmermann, Highlights, Dietrich Fischer-Dieskau, Ingeborg Hallstein, Fritz Wunderlich, Friedrich Lenz, Karl Christian Kohn, Bamberger Symphoniker, Hans Gierster, DG.
- Der Wildschütz, Hermann Prey, Anneliese Rothenberger, Fritz Wunderlich, Chorus and Orchestra of the Bavarian State Opera, Munich, Robert Heger, EMI.

Donnerstag, 12.09.2013

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