Ligeti, György Sándor (1923 - 2006)

aus kultur Nr. 51 - 11/2008

Über den vor zwei Jahren verstorbenen Komponisten schrieb Reinhard J. Brembeck in der Süddeutschen Zeitung als Nachruf: „Seine kommunikative Energie war überwältigend, in den Bann schlagend, visionär, verzaubernd (...) Ligeti konnte als Redner wie als Musiker sein Publikum mitreißen wie kein anderer der großen Komponisten der vergangenen 50 Jahre (...) In dieser drahtigen Gestalt mit der knarzenden Stimme, unverkennbar ungarisch gefärbt, schien Musikgeschichte wie Lava zu brodeln.“
György Ligeti wurde als Sohn jüdischer Ungarn in Dicsöszentmárton geboren, einem kleinen siebenbürgischen Städtchen, das zu Rumänien gehörte und in dem ungarisch gesprochen wurde. Seine Eltern, der Bankfachmann Alexander Ligeti und die Augenärztin Ilona Somogy, waren beide Musikliebhaber. Da der Vater sich für seinen Sohn eine naturwissenschaftliche Laufbahn wünschte, verwehrte er es ihm lange Zeit, ein Instrument zu erlernen. Erst mit vierzehn Jahren erhielt Ligeti Klavierunterricht und begann bald darauf, zu komponieren. Schon als kleines Kind interessierte er sich für klassische Musik und Jazz.
In Cluj (Klausenburg), wohin die Familie bereits 1929 übergesiedelt war, plante Ligeti Mathematik und Physik zu studieren, durfte sich als jüdischer Student jedoch nicht an der Universität einschreiben. Er begann diese Fächer vorübergehend an einer Art „Ersatzuniversität“ zu studieren, und belegte gleichzeitig Kurse am Konservatorium für Harmonielehre und Kontrapunkt bei Ferenc Farkas. Gleichzeitig erlernte er das Orgel- und Cellospiel. Bei Pál Kadosa nahm er jeweils im Sommer 1942/43 privat Kompositionsstunden in Budapest.
Während sein Vater und sein Bruder in Konzentrationslagern umkamen, überlebte seine Mutter das Lager Auschwitz. Er selbst wurde zum Arbeitsdienst in die ungarische Armee einberufen.
Nach dem Ende des Krieges ließ sich Ligeti in der ungarischen Hauptstadt nieder. Er studierte an der Musikhochschule Kontrapunkt und Fuge bei Sándor Veress sowie Instrumentation und freie Komposition wieder bei Ferenc Farkas. 1949 unternahm Ligeti eine längere Reise durch Rumänien, um - nach dem Vorbild Bartóks und Kodálys - die Volksmusik zu erforschen.
1950-56 war er Dozent für Harmonielehre, Kontrapunkt und Formanalyse an der Musikhochschule in Budapest. Während dieser Zeit veröffentlichte er zwei Lehrbücher der „klassischen“ Harmonielehre.
Erst nach der politischen Öffnung im Frühjahr 1956 wurde es möglich, Schallplatten und Noten aus dem westlichen Ausland zu bekommen. Ligeti nahm damals Kontakt mit Herbert Eimert, Karlheinz Stockhausen, Otto Tomek und Hanns Jelinek auf. Nach dem Einmarsch der sow­jetischen Truppen im November desselben Jahres entschloss sich Ligeti schließlich, zusammen mit seiner Frau, zur Flucht nach Österreich. Er reiste weiter nach Köln, wo er in den von Stockhausen und Eimert gegründeten Studios für elektronische Musik mitarbeitete. Hier entstanden seine Kompositionen Glissandi (1957) und Artikulation (1958).
1957 besuchte Ligeti erstmals die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt. Dort war er seit 1959 auch als Dozent tätig. Nach und nach wurde er mit fast allen Vertretern der damaligen Avantgarde bekannt; eine enge Freundschaft verband ihn mit Bruno Maderna, für dessen Begabung als Dirigent er sich besonders begeisterte.
Mit den Premieren seiner Werke Apparitions (1960) und Atmosphères (1961) gelang Ligeti der internationale Durchbruch. Seitdem war er einer der Hauptvertreter der modernen Musik.
In den sechziger Jahren lebte der Komponist hauptsächlich in Wien und bereiste verschiedene europäische Länder. Er lehrte als Gastprofessor in Stockholm und gab Kompositionskurse in verschiedenen Städten. Von 1973-88 war er Professor für Komposition an der Musikhochschule in Hamburg.
Wie kaum ein anderer Komponist seiner Generation wurde Ligeti mit Ehrungen überhäuft. Viele seiner Werke wurden prämiert. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er als mittlerweile österreichischer Staatsbürger in Wien; seine Urne ist in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.
Ligeti suchte Zeit seines Lebens nach neuen musikalischen Ausdrucks­formen. Er ging dabei in vielen seiner Werke, wie beispielsweise dem Cembalostück Continuum (1968), an die Grenzen des von Menschen noch Ausführbaren.
Einen Zyklus von Werken, die in den sechziger Jahren entstanden sind, unter ihnen das Orgelstück Volumina (1962) und das Orchesterstück Lontano (1967), kennzeichnete Ligeti folgendermaßen: „Das ist eine Musik, die den Eindruck erweckt, als ob sie kontinuierlich dahinströmen würde, als ob sie keinen Anfang hätte, auch kein Ende; was wir hören ist eigentlich ein Ausschnitt von etwas (...). Das formale Charakteristikum dieser Musik ist die Statik.“
Diesen Effekt erzielt Ligeti durch die Komposition so genannter „Klangflächen“, die sich zum einen durch eine Überlagerung vieler verschiedener Stimmen, die unterschiedlich bewegt sind, und zum anderen durch die Verwendung von Clustern (s.u.) ergeben. In der Komposition Atmosphères resultieren diese Klangflächen aus einem Gewebe von bis zu 87 übereinander geschichteten Stimmen. Diese Art von Mehrstimmigkeit, deren musikalisches Gewebe so dicht ist, dass die einzelnen Stimmen als solche nicht mehr wahrnehmbar sind, nennt man auch Mikropolyphonie.
Die Studies for Playerpiano des Mexikaners Conlon Nancarrow sowie die komplexen Rhythmen der subsaharischen Amandinda-Musik regten Ligeti zur Komposition seiner Etudes für Soloklavier an (1985-2001). In diesen Werken realisierte er die Möglichkeit, durch nur einen Spieler die Illusion verschiedener, simultan verlaufender Geschwindigkeitsschichten zu erzeugen.
Die faszinierende Wirkung der Musik Ligetis nutzte Stanley Kubrick für seine Filme 2001: Odyssee im Weltraum und Eyes Wide Shut. E.H.

Zum Nachhören:
- Konzerte für Klavier, Violine, Violoncello, Ensemble Intercontemporain, Pierre Boulez, DG.
- The Ligeti Project II, u.a. Lontano, Atmosphères, Berliner Philharmoniker, Jonathan Nott.

Zum Nachlesen:
Wolfgang Burde, György Ligeti, Atlantis.
Constantin Floros, György Ligeti, Lafite.

Mittwoch, 05.01.2011

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