Korngold, Erich Wolfgang (1897 - 1957)

aus kultur Nr. 43 - 1/2008

„Ein Wunderkind aus dem Feenreich“, so nannte seinerzeit Engelbert Humperdinck den jungen Erich Wolfgang Korngold, nicht ohne eine „bedenkliche Modernität“ seiner Musik festzustellen. Der im österreichisch-ungarischen Brünn geborene Komponist war der zweite Sohn von Dr. Julius und Josefine Korngold. Sein Vater, Rechtsanwalt und seit 1901 Musikkritiker bei der „Neuen Freien Presse“ in Wien, war ein fanatischer Musikliebhaber. Er benannte seine Söhne nach seinen beiden Lieblingskomponis­ten: Hans Robert nach Schumann und Erich Wolfgang nach Mozart. Erich Wolfgang Korngold war ein musikalisches Wunderkind. Mit fünf Jahren begann er, Melodien auf dem Klavier zu spielen, mit sieben schrieb er seine musikalischen Einfälle auf. Seine erste Kantate für Soli, Chor und Klavier Gold spielte der Zehnjährige Gus­tav Mahler vor, der dem Vater riet, ihn von Alexander von Zemlinsky unterrichten zu lassen. Im Jahre 1908 erschienen drei Kompositionen - "Der Schneemann", sechs Charakterstücke zu "Don Quichotte" und eine Klaviersonate - als Privatdrucke der Universal Edition in Wien. Diese wurden von Dr. Korngold an Musiker und Experten außerhalb Wiens gesandt. Die Resonanz war überwältigend. Unter anderen schrieb Richard Strauss: „Das erste Gefühl, das einen überkommt, wenn man hört daß dies von einem elfjährigen Jungen geschrieben wurde, ist Schrecken und Furcht, daß ein solch frühreifes Genie auch die normale Entwicklung nehmen möge, die ihm so innig zu wünschen wäre. Diese Sicherheit im Stil, diese Beherrschung der Form, diese Eigenheit des Ausdrucks in der Sonate, diese Harmonik - es ist wirklich erstaunenswert.“ Mit der Wiener Aufführung der Komposition "Der Schneemann" war Korngolds Karriere nicht mehr aufzuhalten. Er ging auf Reisen, gab Konzerte und lernte viele bedeutende Persönlichkeiten kennen, unter ihnen berühmte Komponis­ten wie Paul Dukas und Camille Saint-Saens. Weitere Kompositionen, unter ihnen die "Sinfonietta" (s.u.) in B für Orchester (1912), erschienen. Sie wurden, wie alle weiteren Werke, von dem Verlag B. ­Schott’s Söhne veröffentlicht.
Mit sechzehn Jahren schrieb Korngold seine erste Oper "Der Ring des Polykrates", gefolgt von "Violanta". Die beiden Einakter wurden 1916 in Wien aufgeführt und festigten Korngolds nunmehr weltweiten Ruf. Seine nächste Oper, "Die tote Stadt" (UA 1920), wurde auf mehr als achtzig Bühnen inszeniert und war die erste deutschsprachige Oper nach dem ers­ten Weltkrieg die an der Metropolitan Opera in New York aufgeführt wurde. "Das Wunder der Heliane" aus dem Jahre 1927 hielt der Komponist selbst für sein bedeutendstes Werk. Dieses war übrigens - ebenso wie die in der selben Saison erfolgreich aufgeführte Oper "Johnny spielt auf" von Ernst Krenek - Namenspatron für ein österreichisches Genussmittel: „Heliane“ hieß eine vornehme Zigarette mit goldenem Mundstück.
Berühmt wurde Korngold auch als Begründer einer Strauß-Renaissance, die mit einer Neubearbeitung von "Eine Nacht in Venedig" durch den Komponisten ihren Anfang nahm. In diesem Zusammenhang begann auch Korngolds Arbeit mit dem Regisseur und Theaterleiter Max Reinhardt, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband.
Reinhardts Aufforderung, die Musik zu dem in Hollywood produzierten Film "Ein Sommernachtstraum" zu schreiben, gab den Anlass für Korngolds ersten Amerikaaufenthalt, dem bis zu seiner Übersiedelung im Jahre 1938 noch weitere folgen sollten. Hier schrieb er zahlreiche Filmmusiken; für die Kompositionen zu "Anthony Adverse" (1936) und "The Adventures of Robin Hood" (1938, mit Errol Flynn als Robin Hood), beide von Warner Brothers, erhielt Korngold jeweils einen Oscar.
1943 nahm der Komponist die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Ab dem Jahre 1946 widmete er sich wieder zunehmend eigenständigen Werken. Die Uraufführung des Violinkonzertes fand damals mit Jascha Heifetz statt. Seit einer Herzattacke im Jahre 1947 war es Korngold „verboten“, zu dirigieren. Eine Reise nach Europa von 1949-50 mit verschiedenen Aufführungen seiner Werke, unter ihnen die Oper "Die Kathrin", brachte für Korngold nicht den erhofften Erfolg. Auch die Münchner Erst­aufführung von "Die tote Stadt" im Beisein des Komponisten im Jahre 1954 - obwohl vom Publikum umjubelt - wurde von der Presse scharf kritisiert, so dass an ein Comeback seiner Musik in Europa nicht zu denken war. Verantwortlich dafür war der wachsende Einfluss der so genannten „Neuen Musik“. Korngold war dagegen der Meinung, dass das tonale System nicht erschöpft sei und dass es noch unendliche melodische und harmonische Klangkombinationen gäbe. „Von einem Apfelbaum kann man nicht verlangen, dass er Aprikosen trägt“, sagte er. Der Musikschriftsteller Josef Reitler schrieb in seinen Memoiren über den Komponisten: „Korngold hat seine Eigenart bewahrt; seine edlen oder reizvollen melodischen Gedanken, seine neuartige Harmonik - gepaart mit einer ­Meis­terschaft, die ihm all seine ungezählten Anhänger bis heute erhalten hat.“
Aufgrund einer Gehirnthrombose erlitt Korngold im Jahre 1956 eine rechtsseitige Lähmung verbunden mit dem Verlust der Sprache. Nach einer kurzzeitigen Besserung seines Zustandes starb der Komponist im Jahr darauf an einem Herzanfall. Die Wiener Staatsoper hisste zu seinen Ehren damals die schwarze Flagge und Radiostationen in der ganzen Welt veranstalteten Gedenkfeiern. Korngolds Ruhm wirkt bis in unsere Zeit: Auf der 1995 in Bonn ins Leben gerufenen Europäischen Filmmusik Biennale wird seitdem ein Erich-Wolfgang-Korngold-Preis für das Lebenswerk eines verdienten Filmmusikers verliehen. E.H.

Zum Nachlesen:
Luzi Korngold, Erich Wolfgang Korngold, Verlag Elisabeth Lafite Wien. Helmut Pöllmann, Erich Wolfgang Korngold. Aspekte seines Schaffens, Schott.

Zum Nachhören:
Das Wunder der Heliane, RSO Berlin, John Mauceri, DECCA.
Die tote Stadt, (Live Stockholm 1996), T. Sunnegardh, K. Dalayman, A. Bergström, I. Tobiasson, P.A. Wahlgren, et al., Naxos.
The Adventures of Robin Hood, Staatliches Sinfonieorchester Moskau, William T. Stromberg, Marco Polo.
Sursum Corda und Sinfonietta, BBC Philharmonic, Matthias Bamert, Chandos.

Mittwoch, 05.01.2011

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