Delibes, Léo (1836 - 1891)

kultur 82 - Januar 2012

„Hätte ich diese Musik gekannt, so hätte ich Schwanensee nicht geschrieben.“ So äußerte sich der russische Komponist Tschaikowsky, nachdem er Léo Delibes Ballett Sylvia gehört hatte.
Der französische Komponist war der Sohn der Musikerin Clémence Batiste und des wesentlich älteren Philibert Delibes. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters im Jahre 1847 zog die Familie nach Paris. Léo, der seinen ersten Musikunterricht von seiner Mutter erhalten hatte, wurde dort von seinem Onkel Edouard Batiste weiter ausgebildet, der Organist an Saint-Eustache, Professor am Conservatoire und Gewinner des Rom-Preises (1840) war. 1848 wurde Delibes Schüler am Conservatoire, wo er unter anderem von F. Benoist (Orgel) und A. Adam (Komposition) unterrichtet wurde. Mit dieser Ausbildung konnte Delibes durch Musikunterricht und als Musiker bei Bällen und Soireen zum Lebensunterhalt seiner Familie beitragen. 1853 empfahl ihn sein Lehrer Adam als Korrepetitor an das Théâtre-Lyrique und als Organist an Saint-Pierre de Chaillot. In den folgenden Jahren war Delibes auch Organist in Montmorency (1860) und von 1862 – 1871 an Saint-Jean-Saint-Fran­çois.
Durch die Arbeit am Théâtre-Lyrique stellte Delibes Klavierauszüge von Gounods Faust, Bizets Les Pêcheurs des perles, und Berlioz‘ Les Troyens à Carthage her; außerdem hatte er engen Kontakt zu V. Massé, dessen Erfolgsoper La Reine Topaze er 1856 zur Uraufführung einstudierte. Im selben Jahr drängte A. Adam Delibes zur Vertonung des Einakters Deux Sous de charbon. Diese erste Komposition für das Musiktheater erregte bereits so große Aufmerksamkeit, dass J. Offenbach Delibes mit der Komposition von zwei weiteren Werken beauftragte. Deren Erfolg ermöglichte ihm wiederum den ersten Auftritt am Théâtre-Lyrique mit Maître Griffard 1857. Ebenfalls durch Offenbach konnte Delibes 1860 und ’61 zwei Einakter in Bad Ems aufführen. Nachdem Massé „chef du chant“ an der Opéra geworden war, folgte ihm Delibes 1863 dorthin. Hier war er zunächst Korrepetitor und von 1865 bis 1871 zweiter „chef du chant“. Delibes erstes Werk an der Opéra war 1866 das Ballett La Source.
Während er von 1856 bis 1869 Einakter (Opéra bouffes (s.u.)) für das Pariser Boulevardtheater komponierte, leitete La Source seine zweite Schaffensphase ein, in der er Ballette für die Opéra und Opéras comiques für die Opéra-Comique schrieb.
Seit 1860 verfasste der Librettist Philippe-Émil-François Gille, der auch einer seiner engsten Freunde war, die Texte für seine Opéra bouffes. Zusammen mit anderen Autoren schrieb dieser auch die Libretti für drei Opéra comiques. Delibes arbeitete außerdem mit den führenden Librettisten seiner Zeit zusammen.
Der international anerkannte Arthur-Saint-Léon war der Choreo­graph der Ballette La Source, Valse (ein Tanzdivertissement für die Reprise von Adams Le Corsaire (1867)) und Coppélia (1870). In Coppélia wird die Novelle von E.T.A. Hoffmann behandelt, die auch Offenbach für seine Hoffmanns Erzählungen verwendete. Der Valse aus Coppelia wurde zu einer von Delibes‘ berühmtesten Stücken. Aufgrund des großen Erfolges seines 1876 uraufgeführten Balletts Sylvia wurde der Komponist als Chevalier in die Légion d’honneur aufgenommen.
In den 1880er Jahren gewann Delibes mit der Komposition von Männerchören die höchsten Preise bei Pariser Wettbewerben. 1881 übernahm er H. Rebers Professur für Komposition am Conservatoire. 1884 wurde Delibes nach dem Tod von Massé dessen Nachfolger im Institut de France (Académie des beaux-arts).
Delibes widmete sich – neben der Komposition von einigen Liedern, Kirchen- und Instrumentalmusik - fast ausschließlich dem Musiktheater. Seine Musiksprache zeichnet sich durch eine einprägsame Melodik, raffinierte Harmonisierung, rhythmische Brillanz und eine differenzierte Orchestrierung aus. In seinen Balletten spielt die Musik keine untergeordnete Rolle mehr; mit dem Werk Sylvia verband man schon bald nach dessen Uraufführung die Idee des symphonischen Balletts. Delibes‘ erfolgreichste Oper ist Lakmé. Das sogenannte „Blumenduett“ zwischen Lakmé und Mallika zählt zu seinen bekanntesten Stücken, da es in zahllosen Filmen und Werbespots verwendet wurde. Die „Glöck­chenarie“ aus Lakmé ist eine Herausforderung für jede Sängerin und war u.a. ein Paradestück von M. Callas und J. Sutherland. E.H.

Hörtipps:
- Lakmé, Sutherland, Vanzo, Bonynge, Decca.
- Sylvia, Coppelia, Orchestre du Théâtre National de l’Opéra de ­Paris, Jean-Baptiste Mari, EMI.

Donnerstag, 12.09.2013

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