de Falla, Manuel (1876 -1946)

kultur 30 - Oktober 2006

„Eines Tages im Jahre 1910, bei Cipa Godebski, wurde mir ein Mann vorgestellt, der noch kleiner war als ich selbst und so bescheiden und zurückhaltend wie eine Auster. Ich hielt ihn (...) für einen homme sérieux; und in der Tat, nie bin ich einer kompromißloseren religiösen Natur begegnet als ihm - und nie einem Menschen, der weniger für Äußerungen des Humors übrig hatte. Ich habe niemand gekannt, der so scheu gewesen wäre wie er (...) Ich betrachtete ihn als den loyalsten meiner Musikerfreunde.“ So erinnerte sich Igor Strawinsky an seinen Zeitgenossen, den Komponisten Manuel de Falla. Dies ist eine äußerst treffende Charakterisierung des Musikers, der als ein Hauptvertreter der spanischen Musik des 20. Jahrhunderts gilt.
De Falla wurde als Sohn eines Kaufmanns in Cádiz geboren und erhielt den ersten Klavierunterricht von seiner Mutter. Ein Schlüsselerlebnis für seinen musikalischen Werdegang war im Jahre 1883 eine Aufführung von J. Haydns "Die sieben Worte des Erlösers am Kreuz", die der österreichische Komponist 1785 für die jährlichen Passionsfeiern in Cádiz geschrieben hatte. In Erinnerung an diese Aufführung äußerte de Falla später: „Qué equilibrio! Ni una nota de más, ni una de menos! La perfección absoluta! Maravilloso!“ (Welche Ausgeglichenheit! Keine Note zuviel, keine zuwenig! Höchste Vollendung! Wundervoll!) Diese Perfektion wurde für den Komponisten selbst zum Ideal, das er in dauernder Selbstkritik zu erreichen suchte.
In Madrid studierte de Falla bei José Tragó Klavier, entschied sich aber trotz seines außerordentlichen Talents gegen eine Virtuosenlaufbahn. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, komponierte de Falla zunächst Zarzuelas, von denen zwischen 1900 und 1903 fünf Werke entstanden. Entscheidend für seine weitere Entwicklung wurde ein privates Studium bei dem Musikwissenschaftler und Komponisten Felipe Pedrell (1841 - 1922), der u.a. auch Isaac Albéniz und Enrique Granados unterrichtete. Pedrell brachte de Falla die altspanische Musik ebenso wie die europäische Musik des 19. Jahrhunderts nahe, vor allem aber die lebendige spanische Volksmusik. Motive aus der andalusischen Volks- und Zigeunermusik, volkstümliche Tanztypen, die Verwendung typischer Instrumente und die Nachahmung des Gitarrenklangs finden in der Folgezeit Eingang in seine Kompositionen. Mit dem Operneinakter "La Vida breve" (Das kurze Leben), in dem all diese Elemente voll ausgebildet sind, gewann der Komponist im Jahre 1905 den ersten Preis bei einem Wettbewerb der Academia de Bellas Artes.
Von 1907 an ging de Falla für sieben Jahre nach Paris, die ihm nach eigenen Worten in unvergesslicher Erinnerung blieben. „Debussy, Ravel, Schmitt und Dukas waren meine besten Freunde (...), besonders Dukas. Er trieb mich zum Komponieren an, er machte meine Werke in Paris bekannt. Dort habe ich meine Noches en los Jardines de Espana (Nächte in spanischen Gärten) geschrieben - ich war so fern von Spanien, daß ich die Nächte vielleicht noch schöner malte, als sie in Wirklichkeit sind - das liegt an Paris (...).“ Unter dem Einfluss der französischen Komponisten verwendete de Falla, wie in den "Noches" zu hören ist, impressionistische Eigenheiten der Harmonik und Instrumentationstechnik.
Nach Kriegsbeginn kehrte de Falla nach Madrid zurück und begründete seinen Ruf als Komponist in Spanien mit den Aufführungen der Werke "La Vida breve", "Noches en los Jardines de Espana" und "El Amor Brujo" (Der Liebeszauber, Ballett). Internationale Anerkennung erlangte er mit der Aufführung des Balletts "El Sombrero de tres Picos" (Der Dreispitz) 1919 in London mit den Balletts russes von S. Diaghilew und den Bühnenbildern von Pablo Picasso.
De Falla hatte Kontakt zu zahlreichen Musikern, Malern und Schriftstellern, unter ihnen Federico García Lorca, von dem die Anregung zur Komposition "El Retablo de Maese Pedro" (Meister Pedros Puppenspiel) ausging; einer Oper für Sänger, Marionetten und Orchester, der Text stammt vom Komponisten selbst nach M. de Cervantes' Don Quijote. Mit diesem Werk änderte sich de Fallas musikalischer Stil: Er orientierte sich mehr an kastilischen und katalanischen Themen, an der spanischen Renaissance-Musik, bzw. am Klavierstil Domenico Scarlattis. De Falla bevorzugte nun kleine Besetzungen und „entdeckte“ das Cembalo als Instrument. Der Komponist entwickelte eine Vorliebe für deutlich abgegrenzte Themen und Motive und harte, spröde Klänge. Sein in dieser Hinsicht modernstes Werk ist das für Wanda Landowska in den Jahren 1923/26 entstandene "Concerto per Clavicembalo". De Fallas wichtigstes kompositorisches Projekt war seit 1926 das in katalanischer Sprache vertonte Epos "La Atlántida" (Atlantis), ein Oratorium in drei Teilen nach Texten von J. Verdaguer. Dieses Werk blieb bis zu seinem Tode unvollendet; sein Schüler Ernesto Halffter (1905 - 1989) stellte in jahrelanger Arbeit eine im Jahre 1976 aufgeführte komplette Fassung her. De Falla wollte mit dieser Komposition für Spanien eine Art „Gründungs“-Epos schaffen: Entstehung der iberischen Halbinsel durch den Untergang von Atlantis.
Nach Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs hielt sich der Komponist seit 1941 in einem Landhaus in Alta Gracia in den argentinischen Sierras de Córdoba auf, wo er bis zu seinem Tode äußerst zurückgezogen lebte. Sein Leichnam wurde in die Krypta der Kathedrale seiner Geburtsstadt überführt. E.H.

Zum Nachlesen:
Kurt Pahlen, De Falla und die Musik in Spanien, Schott.

Zum Nachhören:
Manuel de Falla, Orchesterwerke, Brilliant.
-, Nächte in spanischen Gärten, RCA.
-, El Amor Brujo, Tänze aus Der Dreispitz, Deutsche Grammophon.

Dienstag, 25.02.2014

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