Busoni, Ferruccio (1866 - 1925)

aus kultur Nr. 53 - 1/2009

„Unter den Klavierspielern ist heute Busoni einer der allerersten. Ich kenne keinen, der mich so frappant an Rubinstein erinnert hätte. Derselbe klangvolle, saftige Anschlag, dieselbe Riesenkraft, Ausdauer und Sicherheit, dieselbe gesunde Plastik des Vortrages.“ - „Er aber, Busoni, lauscht. Er lauscht sich selber im Spiel. (...) Unten ist Musik, oben Stille, unten das Schaffen, oben das Genießen. Er scheint vergessen zu haben in diesen kostbaren Minuten, daß all dies, was ihn jetzt mit süßem Schauern ergreift, aus ihm selber strömt, er atmet, trinkt und lauscht nur ekstatisch ein, fremd sich selber in dieser nicht zu erlernenden Gebärde hingegebener Verzückung.“ Mit diesen Worten beschrieben der Kritikerpapst Eduard Hanslick (1896) und Stefan Zweig (1912) Busonis Ausnahmestellung als Pianist.
Ferruccio Dante Michelangelo Benvenuto Busoni wurde in Empoli, in der Nähe von Florenz, geboren. Sein Vater Ferdinando Busoni war Klarinettenvirtuose, seine deutschstämmige Mutter Anna Weiß Pianistin. Von ihr erhielt der musikalisch hochbegabte seinen ersten Klavierunterricht, den bald der Vater übernahm. Mit siebeneinhalb Jahren gab Busoni sein erstes Konzert in Triest; 1873 entstand auch seine erste Komposition Canzone op. 1 für Klavier. Als Wunderkind trat er in den folgenden sechs Jahren in ca. 50-60 Konzerten auf, parallel dazu komponierte er zahlreiche Werke. Unterricht in Komposition erhielt Busoni 1879-81 bei dem Dirigenten Wilhelm Mayer-Remy in Graz. Bei einem Konzertaufenthalt in Bologna 1881 wurde Busoni das Diplom für Klavierspiel und Komposition der Accademia Filarmonica verliehen; diese Auszeichnung der Akademie erhielt in so jungen Jahren zuletzt der vierzehnjährige Mozart.
Mit einem Empfehlungsschreiben von Johannes Brahms machte sich Busoni 1886 auf den Weg nach Leipzig. Hier begann sich sein Ruf als Pianist zu festigen und es entstand seine erste Bach-Bearbeitung (BWV 532). Der Musiktheoretiker Hugo Riemann empfahl ihn 1888 für eine Klavierprofessur am Konservatorium in Helsinki, dort lernte Busoni seine Frau Gerda Sjöstrand kennen. 1890 gewann er den Rubinstein-Preis für Komposition und unterrichtete Klavier am Konservatorium in Moskau, bereits ein Jahr später lehrte er am New England Conservatory in Boston. 1894 kehrte Busoni nach Europa zurück und bezog seinen ständigen Wohnsitz in Berlin. Hier lebte er bis zu seinem Tode - unterbrochen von Lehrtätigkeiten in Weimar (1900/01), Wien (1907/08), Basel (1910), Bologna (1913) und von Tourneen durch Europa und nach Amerika, sowie dem fünfjährigen Exil in Zürich (1915-20) aufgrund des Ersten Weltkriegs.
In der deutschen Hauptstadt veranstaltete Busoni von 1902 bis 1909 mit den Berliner Philharmonikern eine Reihe von 12 Orchesterkonzerten, in der Werke zeitgenössischer Komponisten aufgeführt wurden, von denen einige auch selbst dirigierten.
Eine große Auszeichnung als Komponist war seine Berufung als Leiter einer Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste. Zu dem kleinen Kreis seiner exklusiv ausgewählten Schüler gehörte damals auch Kurt Weill.
Für die Vorbereitungen der beiden ersten Donaueschinger Musikfeste (1921/22) gehörte er dem beratenden Ausschuss an. Ein Jahr vor seinem Tod nahm Busoni noch an der Eröffnung des Weimarer Bauhauses teil. Das Grabmal des Komponisten, das der Künstler Georg Kolbe gestaltete, befindet sich in Berlin auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße.
Busoni, der fließend deutsch, französisch, englisch, schwedisch und spanisch sprach, war ein rastlos arbeitender Kopf. Sein Haus beherbergte ein riesige Bibliothek, er verfasste und veröffentlichte viele Texte und schrieb unzählige Briefe. Am bekanntesten wurde sein 1907 erschienener Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst. In dieser Abhandlung stellte er Überlegungen zu neuen Möglichkeiten der Musik dar, die für nachfolgende Komponisten zukunftsweisend wurden.
Busoni war Herausgeber von Klavierwerken Johann Sebastian Bachs und Franz Liszts. Er schrieb unzählige Bach-Bearbeitungen für Klavier, die er in seinen Konzerten aufführte. Zum 100. Geburtstag von Franz Liszt spielte er in Berlin an sechs Abenden insgesamt 80 Stücke des Komponisten. Das Konzertrepertoire Busonis ist ein Spiegel des ehrgeizigen Virtuosen. Als Interpret verstand er sich nicht nur als reproduzierender Künstler; häufig bearbeitete und transponierte er die von ihm ausgewählten Werke.
Lange Zeit stand Busoni als Komponist im Schatten seines immensen pianistischen Ruhms. „Im ideellen Sinn fand ich meinen eigenen Weg als Komponist erst mit der zweiten Violinsonate, op. 36 a, die ich unter Freunden auch mein Opus eins nenne.“ (BV 244, 1898). Jürgen Kindermann zählt in seinem Werkverzeichnis 303 Kompositionen, von denen ca. 145 bereits vor Busonis Unterricht bei Mayer-Remy entstanden. Neben vier Opern, von denen Doktor Faust am bekanntesten wurde, und einzelnen Orchesterwerken, spielt in seinem Gesamtwerk die Klaviermusik eine überragende Rolle. Busoni verwirklichte in seinen Kompositionen eine von ihm so bezeichnete „junge Klassizität“, in der Altes mit Neuem verbunden wird. Mit der Sonatina seconda (BV 259) wagte er sich am weitesten in kompositorisches Neuland vor: weder die Tonalität noch der Taktbegriff werden in diesem Klavierwerk aufrecht­erhalten. Eine Hommage an J.S. Bach ist die Fantasia Contrappuntis­tica (BV 256). Der Titel der Erstfassung der Komposition lautete: Kontrapunktische Fantasie über die Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach (BV 255). Im Concerto für Pianoforte und Orchester mit Männerchor op. 39 (BV 247) erweiterte Busoni die Form eines herkömmlichen Klavierkonzerts.
Seine Oper Doktor Faust blieb unvollendet. Mit Ergänzungen seines Schülers Philipp Jarnach wurde sie ein Jahr nach seinem Tod in Dresden unter der Leitung von Fritz Busch uraufgeführt. Antony Beaumont rekonstruierte das Werk 1985 in Bologna. E.H.

Zum Nachhören:
- Piano Concerto, Garick Ohlsson, Christoph von Dohnányi,
The Cleveland Orchestra and Men’s Chorus, Telarc.
- Fantasia Contrappuntistica, John Ogdon, Import.
- Doktor Faust, Dietrich Henschel, Kim Begley, Dietrich Fischer-Dieskau, Kent
Nagano, Opera National de Lyon, Erato.

Zum Nachlesen:
- Reinhard Ermen, Ferruccio Busoni, Rowohlt.
- Hans Heinz Stuckenschmidt, Ferruccio Busoni, Atlantis.

Mittwoch, 05.01.2011

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