Kölner Philharmonie
Concertgebouworkest

- Klaus Mäkelä
Foto: Eduardus Lee

Klaus Mäkelä
Foto: Eduardus Lee
Konzert - Anton Bruckner
Klaus Mäkelä, Dirigent
Anton Bruckners Sinfonie Nr. 8 c-Moll WAB ist das letzte vollendete sinfonische Werk des Komponisten und zugleich der Endpunkt seiner Auseinandersetzung mit der großformatigen Sinfonik des 19. Jahrhunderts. Entstanden ist das Werk in einem langen, von Zweifeln und Revisionen geprägten Prozess: Die Erstfassung wurde 1887 abgeschlossen, nach ablehnenden Reaktionen aus dem Umfeld des Dirigenten Hermann Levi jedoch grundlegend überarbeitet. Die heute häufig gespielte Fassung von Robert Haas(1939) stellt keinen historischen Urtext dar, sondern eine editorische Synthese aus Elementen der Fassungen von 1887 und 1890. Sie versucht, Bruckners kompositorische Intention jenseits späterer Eingriffe und Kürzungen erfahrbar zu machen und ist bis heute Gegenstand musikwissenschaftlicher Diskussion.
Die Achte Sinfonie steht in c-Moll, einer Tonart, die im 19. Jahrhundert häufig mit existenziellen, dramatischen Konnotationen verbunden wurde. Bruckner nutzt diese Tonalität jedoch nicht im Sinne einer durchgehend tragischen Grundhaltung, sondern als Ausgangspunkt für weit gespannte Kontraste zwischen Verdichtung und Auflösung, Spannung und Ruhe. Die außergewöhnliche Länge und die monumentale Orchesterbesetzung – einschließlich acht Hörnern, davon vier als Wagner-Tuben – machen das Werk zu einem Kulminationspunkt spätromantischer Sinfonik.
I. Allegro moderato
Der erste Satz entfaltet sich aus einem leise pulsierenden Tremolo der Streicher, über dem sich das Hauptthema schrittweise formt. Typisch für Bruckner ist die blockhafte Anlage: thematische Gruppen werden weniger kontinuierlich entwickelt als vielmehr einander gegenübergestellt und durch Übergänge verbunden. Die formale Grundlage bleibt die Sonatenhauptsatzform, doch wird sie durch weit ausgedehnte Steigerungsprozesse und abrupte dynamische Kontraste erweitert. Charakteristisch ist zudem die zentrale Rolle der Blechbläser, die nicht nur klangliche Höhepunkte markieren, sondern strukturelle Fixpunkte innerhalb des Satzverlaufs bilden.
II. Scherzo. Allegro moderato – Trio. Langsam
Das Scherzo greift auf rhythmische Modelle zurück, die an Ländler- und Tanzformen erinnern, jedoch stark stilisiert und verdichtet erscheinen. Die motorische Energie und die markanten Akzente verleihen dem Satz eine fast archaische Geschlossenheit. Dem gegenüber steht das Trio, das sich deutlich verlangsamt und durch kantable Linien sowie eine transparentere Instrumentation gekennzeichnet ist. Der Kontrast zwischen beiden Abschnitten ist weniger humoristisch als strukturell gedacht: Er dient der Auflockerung und Neuorientierung innerhalb des sinfonischen Gesamtverlaufs.
III. Adagio. Feierlich langsam, doch nicht schleppend
Das Adagio bildet das emotionale und strukturelle Zentrum der Sinfonie. In weit gespannten melodischen Bögen und einer stark ausdifferenzierten Harmonik entfaltet Bruckner einen Satz von großer innerer Ruhe und zugleich intensiver Spannung. Die Musik schreitet in groß angelegten Steigerungen voran, die immer wieder in Ruhepunkte zurückgeführt werden. Besonders auffällig ist der Einsatz der Wagner-Tuben, die dem Klang eine dunkle, feierliche Färbung verleihen. Der Satz kulminiert in einem machtvollen Höhepunkt, der nicht als Abschluss, sondern als Teil eines zyklischen Gesamtzusammenhangs zu verstehen ist.
IV. Finale. Feierlich, nicht schnell
Monumental beginnt dieser Satz, dröhnendes Blech lässt den Zuhörer erzittern und diese Klanggewalt brachte der Symphonie gelegentlich auch den Beinamen „Die Apokalyptische“ ein, der sich aber nicht wirklich behaupten konnte. Das Finale fasst thematische und motivische Elemente der vorangegangenen Sätze zusammen und führt sie in einer komplexen architektonischen Anlage zusammen. Bruckner kombiniert hier Fugato-Passagen mit chorartigen Blöcken und greift frühere Themen in veränderter Gestalt wieder auf. Diese Technik der thematischen Rückbindung verleiht dem Satz – und der gesamten Sinfonie – einen ausgeprägt zyklischen Charakter. Der Schluss in strahlendem C-Dur steht nicht im Widerspruch zur Grundtonart, sondern erscheint als Resultat eines langen Spannungsbogens, der sich über alle vier Sätze erstreckt.
Das Royal Concertgebouw Orchestra gehört seit seiner Gründung 1888 zu den international führenden Sinfonieorchestern. Eine enge Beziehung verbindet das Ensemble mit dem Werk Anton Bruckners, dessen Sinfonien seit dem frühen 20. Jahrhundert einen festen Platz im Repertoire des Orchesters einnehmen. Der charakteristische, homogene Klang – insbesondere im Blech und in den tiefen Streichern – hat wesentlich zur Rezeption dieser Musik beigetragen.
Klaus Mäkelä, seit 2022 Chefdirigent des Royal Concertgebouw Orchestra, hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem spätromantischen Repertoire auseinandergesetzt. Seine Arbeit zeichnet sich durch strukturelle Klarheit und ein ausgeprägtes Interesse an großformalen Zusammenhängen aus – Aspekte, die gerade bei einem Werk wie Bruckners Achter Sinfonie von zentraler Bedeutung sind.
Sebastian Jacobs
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