Kölner Philharmonie

Münchner Philharmoniker

Lahav Shani
Foto: Tobias Hase
Lahav Shani
Foto: Tobias Hase

Konzert - Debussy, Mozart & Schönberg

Lahav Shani, Klavier, Dirigent

Das Konzertprogramm verbindet drei Werke, die in sehr unterschiedlichen historischen Kontexten entstanden sind, sich jedoch in zentralen Fragen berühren: im Verhältnis von Musik zu Literatur, im Umgang mit tradierten Formen und in der Suche nach adäquaten Ausdrucksmitteln für ihre jeweilige Zeit. Zwischen Mozarts letztem Klavierkonzert, Debussys impressionistisch geprägtem Orchesterstück und Schönbergs großformatiger sinfonischer Dichtung spannt sich ein Zeitraum von mehr als hundert Jahren, in dem sich das musikalische Denken grundlegend verändert – weniger als linearer Fortschritt, sondern als fortlaufende Neuverhandlung dessen, was musikalische Form und Bedeutung leisten können.

Mit Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune vollzieht sich ein ästhetischer Perspektivwechsel. Das 1894 uraufgeführte Werk steht am Beginn eines musikalischen Denkens, das sich bewusst von den formalen und harmonischen Modellen des 19. Jahrhunderts distanziert. Debussy greift zwar – wie Mozart und Schönberg – auf eine literarische Vorlage zurück, doch dient Mallarmés Gedicht nicht als Programm im narrativen Sinn. Debussy verstand sein Werk als „allgemeine Illustration“ poetischer Empfindungen, nicht als musikalische Übersetzung einzelner Szenen. Diese Haltung spiegelt sich in der musikalischen Struktur: Das Préludeentfaltet sich ohne klar abgegrenzte thematische Blöcke oder traditionelle Entwicklungsprozesse. Harmonik und Melodik sind fließend, häufig modal gefärbt, rhythmisch flexibel. Die Instrumentation spielt eine zentrale Rolle: Klangfarben werden nicht additiv eingesetzt, sondern als integraler Bestandteil der Form. Zeit wird hier nicht als zielgerichteter Verlauf, sondern als schwebender Zustand erfahrbar – Schwüle, südliche Wärme, Lust – das sind die spürbaren Assoziationen.

Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert B-Dur KV 595 entstand 1791, im letzten Lebensjahr des Komponisten. Als Abschluss einer Gattung, die Mozart in den 1780er Jahren maßgeblich weiterentwickelt hatte, bündelt das Werk zentrale Prinzipien der Wiener Klassik: formale Klarheit, ausgewogene Proportionen und ein differenziertes Wechselspiel zwischen Solist und Orchester. Der klassische Konzertgedanke ist hier nicht mehr auf virtuose Selbstdarstellung ausgerichtet, sondern auf dialogische Kommunikation. Das Klavier agiert weniger als dominierender Protagonist, denn als Teil eines fein austarierten musikalischen Diskurses. Auffällig ist dabei eine gewisse Zurücknahme äußerer Kontraste. Die Themen sind oft schlicht konturiert, die motivische Arbeit konzentriert, die Orchesterbesetzung vergleichsweise zurückhaltend und dennoch mangelt es dem Werk nicht an Virtuosität und Ideenreichtum.

Arnold Schönbergs Pelléas und Melisande op. 5 , entstanden 1902/03, steht zeitlich nahe bei Debussys Werk, ästhetisch jedoch in einem Spannungsfeld zwischen Spätromantik und beginnender Moderne. Auch Schönberg greift auf Maeterlincks symbolistisches Drama zurück, wählt jedoch einen grundsätzlich anderen musikalischen Zugriff. Seine sinfonische Dichtung ist groß dimensioniert, formal dicht gearbeitet und stark motivisch geprägt. Figuren, Beziehungen und dramatische Wendepunkte werden musikalisch differenziert charakterisiert, ohne dass eine explizite Handlungserzählung erfolgt. Obwohl das Werk noch tonale Bezugspunkte besitzt, ist die Harmonik von ausgeprägter Chromatik durchzogen, die tonale Zentren zunehmend destabilisiert. Formale Orientierung entsteht weniger durch klassische Periodik als durch motivische Verdichtung und kontrapunktische Prozesse. In dieser Hinsicht markiert Pelléas und Melisandeeinen Übergang: Die expressive Überdehnung der spätromantischen Mittel weist bereits auf Schönbergs spätere Abkehr vom tonalen System hin, ohne dieses hier bereits aufzugeben.

Im Zusammenhang gehört, dass Debussy und Schönberg denselben literarischen Stoff nahezu zeitgleich, aber mit gegensätzlichen ästhetischen Konsequenzen behandelten. Während Debussy die Handlung weitgehend entmaterialisiert und auf atmosphärische Verdichtung zielt, nutzt Schönberg das Drama als Ausgangspunkt für eine umfassende sinfonische Erzählform. In der Zusammenstellung des Programms werden damit unterschiedliche Antworten auf vergleichbare künstlerische Fragen hörbar. Mozart reflektiert innerhalb einer etablierten Form deren innere Balance und kommunikative Möglichkeiten. Debussy löst formale Bindungen zugunsten einer offenen, klanglich definierten Zeitgestaltung. Schönberg schließlich steht an der Grenze eines Systems, dessen expressive Mittel an ihre strukturellen Grenzen geführt werden.

Das Konzert lädt so dazu ein, Musik nicht nur als Abfolge stilistisch unterschiedlicher Werke zu hören, sondern als historisch gewachsene Denkform, in der sich ästhetische, literarische und formale Konzepte fortlaufend verändern – und in jeder Epoche neu ausgehandelt werden.

Sebastian Jacobs

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Letzte Aktualisierung: 30.01.2026 21:01 Uhr     © 2026 | |