Die Waffen nieder! nach dem Roman von Bertha von Suttner im Schauspielhaus

- Zwei Frauen sind zu sehen. Rote Bänder im Hintergrund. Die Rechte guckt und fleht die rechte Frau an
Foto: Matthias Jung

Zwei Frauen sind zu sehen. Rote Bänder im Hintergrund. Die Rechte guckt und fleht die rechte Frau an
Foto: Matthias Jung
Utopie vom Weltfrieden
Am Premierenabend verteilte ein freundlicher junger Mann vor dem Schauspielhaus Flugblätter, die zu einer „Demo gegen die neue Wehrpflicht“ am nächsten Tag aufriefen.
Start der Veranstaltung am Bertha-von-Suttner-Platz. Deutlicher konnte die Aktualität des drinnen gezeigten Stückes kaum bewiesen werden. Vor 120 Jahren erhielt Bertha von Suttner, geboren 1843 in Prag als Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau, als erste Frau den 1901 gestifteten Friedensnobelpreis. Weltberühmt wurde sie durch ihren 1889 erschienenen pazifistischen Roman Die Waffen nieder!.
Für das Theater Bonn haben die Regisseurin Karin Plötner, die in der vergangenen Spielzeit bereits eindrucksvoll Elfriede Jelineks "Am Königsweg / Endsieg" im Schauspielhaus inszenierte, und die Dramaturgin Sarah Tzscheppan das umfangreiche Werk massiv eingestrichen, den Sprachton und den Verlauf der Ereignisse aber beibehalten. Drei Schauspielerinnen – Lydia Stäubli vom festen Ensemble, Anna-Paula Muth und Kristin Steffen als Gäste – teilen sich die Figur der Ich-Erzählerin Martha Althaus und die immer noch gewaltige Textmasse. Kostümbildnerin Johanna Hlawica hat die Frauen in hautfarbene Overalls gesteckt mit aufgeklebten Brüsten, Schamund Achselhaaren wie Sexpuppen. Eine künstliche Blöße, in der sie sich mit wenigen Requisiten und Kleidungsstücken (ein Zylinder genügt beispielsweise für die Auftritte Tillings) auch in die männlichen Personen verwandeln, die Marthas Lebensweg kreuzen. Die körperliche Erscheinung und die Dreiteilung der Protagonistin erzeugen emotionale Distanz. Die schafft auch der von Bühnenbildnerin Bettina Pommer entworfene irreale Raum: ein großer quaderförmigen Kasten, dessen Wände hinten und an den Seiten aus unregelmäßig verflochtenen elastischen rosafarbenen Stoffstreifen bestehen, die an Therabänder erinnern. Darin klettern und schaukeln die drei Akteurinnen geschmeidig herum (Choreografie: Hannes-Michael Bronczkowski) oder verschwinden als Tote aus dem flexiblen Gehäuse. Später wird sich der Boden absenken wie ein Grab für die vielen von den Schlachten hinterlassenen Leichen. Insgesamt vier Kriege werden es sein, in denen Martha nach und nach begreift, dass Gewalt zwischen den Völkern kein Problem lösen kann.
Von Suttners Roman ist die Entwicklungsgeschichte einer Frau, die durch persönliche Erfahrungen zur Friedenskämpferin wird. Anfangs hängen die Schauspielerinnen wie Gefangene in einem rosaroten Spinnennetz an der Rückwand, in den Händen jeweils das „rote Heft“, also Marthas Tagebuch. Von Suttner hat in diese (fiktiven) Aufzeichnungen der Protagonistin Briefe und zunehmend reale Berichte und Dokumente eingefügt. „Mit siebzehn Jahren war ich ein recht überspanntes Ding“, lautete der erste Satz. Gräfin Martha Althaus wächst als Tochter eines österreichischen Generals auf, begeistert sich für kriegerisches Heldentum und kann sich nichts Schöneres vorstellen, als auf dem Feld der Ehre zu sterben. Rosig erscheint ihre Zukunft in diesem aristokratischen Umfeld aus fest gefügten Konventionen und militaristischem Enthusiasmus. An ihrem 18. Geburtstag heiratet sie den attraktiven jungen Grafen Arno Dotzky, bekommt einen Sohn und wird ein Jahr später Witwe. Denn Arno fällt 1859 in der Schlacht von Solferino. Martha bildet sich fort, befasst sich mit Darwins Evolutionstheorie und kümmert sich um ihren kleinen Sohn und ihre jüngeren Geschwister. Als reiche junge Witwe selbst umschwärmt, verliebt sie sich in den preußischen Baron Friedrich Tilling, der als Offizier in der österreichischen Armee dient. Er ist ein überzeugter Humanist und teilt Marthas Ansichten. 1863 heiraten die beiden. Doch die Kriege gehen weiter. 1864 folgt der deutschdänische Krieg, 1866 der „Deutsche Krieg“. Unter die Haut gehen die ausführlichen Berichte vom Grauen auf den Schlachtfeldern und den zerstörten Orten, den zerfetzten Leibern und dem Leiden in den Lazaretten. Das fragile Bühnengebäude erscheint plötzlich (Licht: Ansgar Evers) wie ein Geflecht aus blutigen Bandagen. Friedrich überlebt, aber fast die ganze Familie Marthas stirbt in der auf den Krieg folgenden Choleraepidemie. Zumeist unaufdringlich leise (allerdings auch mit Kanonengrollen und einem Pistolenschuss) untermalt wird das Geschehen von Johannes Hofmanns Musik.
Das Paar Martha und Friedrich wird zu Aktivisten für die Völkerverständigung. Lange politische Diskurse über Krieg und Frieden, die Balance der Macht durch Abschreckung und den Einsatz eines Welt-Schiedsgerichts bestimmen den letzten Teil des Romans und auch der Inszenierung. Die sinnlose Verschwendung von Steuergeldern und Ressourcen zwecks Aufrüstung sollte gestoppt werden. „Gesetzt den Fall, alle europäischen Mächte führen die allgemeine Wehrpflicht ein, so bliebe das Machtverhältnis genau dasselbe – der Unterschied wäre nur der, dass, um zur Entscheidung zu gelangen, statt Hunderttausende, Millionen hingeschlachtet werden müssten“, erklärt Friedrich. Das klingt wie ein vorausschauender Kommentar zu den gegenwärtigen Auseinandersetzungen.
Die Inszenierung hält danach mehrere Minuten lang inne für eine stille Reflexionspause. Doch der absurde Schluss darf nicht fehlen: Friedrich wird 1871 von französischen Patrioten unter dem Verdacht, ein deutscher Spion zu sein, standrechtlich erschossen. Langsam senkt sich der Bühnen-Plafond, bis nur noch ein schmaler Spalt übrigbleibt, in dem die drei Marthas erschöpft liegen, bis sie ganz verschwinden.
Bertha von Suttner starb 1914 kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Haben wir seitdem etwas dazugelernt? Die eindeutige Botschaft von Die Waffen nieder! bleibt trotz allem ambivalent. Was ist möglich angesichts der realen Verhältnisse? Nachdenklicher Premierenbeifall und großer Applaus für die enorme Leistung der Schauspielerinnen. Empfohlen für Publikum ab 14 Jahren. E.E.K.
Freitag, 30.01.2026
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