Sankt Falstaff - von Ewald Palmetshofer im Schauspielhaus - kultur Nr. 197 - Dezember 2024

- Es sind zwei Herren zu sehen. Der Rechte liegt mit dem Kopf auf der Schulter des Linken.
Foto: Matthias Jung

Es sind zwei Herren zu sehen. Der Rechte liegt mit dem Kopf auf der Schulter des Linken.
Foto: Matthias Jung
Heiter-pessimistisches Königsdrama
Es wundert nicht, dass gleich mehrere deutsche Bühnen Ewald Palmetshofers neues Drama Sankt Falstaff auf den Spielplan gesetzt haben.
Es ist das Stück zur Stunde: Es geht um Macht, Autokratie, das Auseinanderdriften der Gesellschaft und um Menschlichkeit und Liebe. Der österreichische Autor Palmetshofer (*1978), bekannt insbesondere durch seine KlassikerÜberschreibungen, holt Shakespeares zweiteiliges Historiendrama König Heinrich IV in die Jetztzeit und stellt die beliebte Figur des feisten, lebenslustigen, gewitzten und wortgewandten Ritters John Falstaff ins Zentrum. Aus der Vorlage hat er nur einige Personen und Handlungsmomente übernommen und den alten Stoff mit parodistischen Elementen und neu hinzugefügten Motiven angereichert.
Tilmann Köhlers Bonner Inszenierung, die zweite nach der Uraufführung im Januar 2025 am Münchner Residenztheater, setzt auf spielerisches Tempo, viel Bewegung, mitunter auch SlapstickKomik und vor allem auf die Sprache. Palmetshofers in jambischen Versen verfasster Text vermischt die alte Form der rhythmisch gebundenen Rede mit dem Jargon der Gegenwart. „…wie geht das, John? / in einer Welt / Gesellschaft, / die sich anschickt in den Arsch zu gehn“, fragt der junge Prinz Harri mal seinen plebejischen Freund. Bühnenbildner Karoly Risz hat dafür als Resonanzraum einen riesigen gelben Holzkasten gebaut, der die ganze Bühnenbreite einnimmt und gegen dessen Wände ausgiebig angerannt wird – das ganze Ensemble agiert mit ungeheurem körperlichem Einsatz. Der Kasten ist sowohl das Haus der Macht als auch der Container-Club von Frau Flott. Manchmal öffnet sich die rückwärtige Bretterwand zu der schwarzen Leere, wo Henry Bolingbroke, genannt Heinz, auf seinem unrechtmäßig eroberten Thron hockt, nachdem er durch einen Staatsstreich seinen Vorgänger Richard II. ausgeschaltet hat. Ein QuasiKönig, der behauptet: „Nun sind wir selbstverständlich Demokraten noch, wenn auch auf unsere Art." Falstaff durchschaut seine Politik: „Hast einen Dauerkrisenzustand ausgerufen und / dich selbst als einzge Lösung dessen dargestellt, / schon viele haben’s vorgemacht."
Anfangs liegt auf dem Bühnenboden ein Haufen Klamotten (Kostüme: Susanne Uhl), aus dem sich die acht Spielerinnen und Spieler die passenden Outfits heraussuchen. Fast alle verkörpern mehrere Figuren, sind in verschiedenfarbigen Anzügen die höfischen Intriganten und weniger korrekt gekleidet das Unterschichtvolk im Club. Der gertenschlanke Sören Wunderlich streift sich einen silbrig glänzenden Fatsuit mit Michelin-Männchen-Anmutung wie eine Ritterrüstung über und gibt den beleibten Säufer Falstaff. Paul Michael Stiehler ist der Kronprinz Harri, dessen wenig royaler Lebenswandel Vater Heinz davon abhält, ihn als seinen Nachfolger aufzubauen. Falstaff gabelt den mit Drogen vollgepumpten Dandy buchstäblich in der Gosse auf, trägt den Bewusstlosen in die Kneipe und rettet ihm so das Leben. Womit eine zarte homoerotische Beziehung beginnt zwischen dem erfahrenen, weltklugen, verarmten Ritter Falstaff und seinem zur Empathie unfähigen Bewunderer Harri.
Dessen Kumpel Ed und Franz geben Daniel Stock und Jacob Z. Eckstein, die auch als „Das Hirn“ und „Das Mundwerk“ unterwegs sind. Sophie Basse stöckelt als robuste Kneipenherrscherin Flott herum und ist am Hof „Der Vorsitz“, der seinen Nachkommen Harry Percy Hotspur, genannt „Hitzkopf“, gern als Thronfolger etablieren möchte. Riccardo Ferreira spielt überzeugend den rebellischen Provinzhelden, der auch mal Kunst-Penisse aus der Hose baumeln lässt und eher naiv in die Mühlen der Macht gerät. Wilhelm Eilers ist zu Beginn noch der überlegene Quasi-König im goldenen Anzug. Alt und kränklich, enttäuscht von seinem dekadenten Sohn, verliert er jedoch zunehmend die Kontrolle über die Machenschaften seiner Umgebung. Den von einem dringenden Bedürfnis geplagten Heißsporn lässt er schnöde warten, bis der als möglicher Thronfolger ins Spiel gebrachte junge Mann sich nach der Pause endlich am Pissoir erleichtern kann. Es gibt auch sonst viel zu lachen in diesem spannenden Wechsel zwischen Politspektakel, deftiger Kneipenkomödie und kleinen Augenblicken von emotionaler Nähe. Imke Siebert gibt in Flotts Etablissement die „Puppe“, darf auch mal feministische Empörung artikulieren und ist am Ende Heißsporns wütende Witwe Kate.
Der räuberische Überfall bei Gad‘s Hill, bei dem Harri mit seinen Kumpanen seinen Freund Falstaff übel bloßstellt, ist nur einer der gemeinen Späße des moralisch indifferenten Königssohns. Wobei der virtuose Lügner Falstaff auch in dieser Situation noch den Kopf oben behält. Hitzkopf fällt hier nicht in der Schlacht bei Shrewsbury, sondern im grandios choreographierten Zweikampf mit Harri, der sich nun doch die Krone aufsetzt und seinen alten Freund Falstaff verleugnet. Der gelbe Bühnenkasten bricht auseinander. Einen König Heinrich V. wird es in Palmetshofers Shakespeare-Variation nicht geben. Falstaff erstickt den Thronprätendenten beinahe liebevoll und bleibt melancholisch zurück: „Ich bin maskierte Einsamkeit …“. Ein Heiliger im Getümmel der mörderischen Positionskämpfe.
Den Soundtrack dazu liefert Matthias Krieg mit Technobeats aus dem Container-Club, in die sich immer wieder kleine Zitate aus Renaissance und Barock mischen.
Das ganze fabelhafte Ensemble zelebriert lustvoll über dreieinhalb Stunden hinweg unverschämt brillant Sprachkunst (inkl. irrwitzigen Metaphernspäßen) und körperliche Energie. Bei der Premiere blieben allerdings etliche Plätze nach der Pause leer. Wer die durchaus anstrengende Vorstellung vorzeitig verließ, verpasste jedoch den großartigen Show-Down dieser bösen Farce aus dem Geist des „House of Cards“.
Dass die Wirklichkeit das Theater noch übertrifft, wurde am Tag nach der Bonner Premiere deutlich. Da gingen Millionen von Menschen in den USA unter dem Motto „No Kings“ auf die Straßen, und Präsident Trump postete umgehend ein KIgeneriertes Video, in dem er als König aus einem Jagdbomber Fäkalien auf die Protestierenden regnen lässt.
Fulminanter Premierenbeifall für das gesamte Team der hochaktuellen Inszenierung, die viel Stoff zum Weiterdenken liefert. (E.E.K.)
Montag, 26.01.2026
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