Tootsie - Musical von Robert Horn und David Yazbek im Opernhaus - kultur Nr. 197 - Dezember 2024

Tootsie
Foto: Annabel Dornieden
Tootsie
Foto: Annabel Dornieden

Sydney Pollacks Film Tootsie mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle kam 1982 in die Kinos und wurde ein Riesenerfolg.

„Tootsie“ ist im amerikanischen Slang eine leicht abwertende Bezeichnung für eine jungen Frau wie etwa „Schätzchen“ oder „Süße“. Genderdebatten und MeToo waren freilich damals noch kein Dauerthema. Es geht nicht darum, dass der Schauspieler Michael mit seinem Geschlecht hadert, sondern er braucht einen Job. Im Film geht es um eine Rolle in einer populären TVSerie. 2018 schufen Robert Horn (Buch) und David Yazbek (Musik und Liedtexte) aus der Story ein Musical, verlegten den Stoff ins Showgeschäft und machten daraus einen heitersatirischen Blick hinter die Kulissen des Theaters. Geprobt wird ein Musical, das an Shakespeares Romeo und Julia anknüpft. Auf die Uraufführung in Chicago folgte 2019 die BroadwayPremiere, erhielt zwei TonyAwards (für das beste Buch und den besten Hauptdarsteller) und war für neun weitere nominiert. 2022 kam in München die europäische Erstaufführung in deutscher Sprache (deutsche Fassung: Roman Hinze) heraus, inszeniert von dem in Bonn bestens bekannten Musical spezialis ten Gil Mehmert. Als Kooperation mit dem Staatstheater am Gärtnerplatz ist diese Version nun als Neuproduktion des Theater Bonn in der Oper zu erleben. Die flotte, witzige und durchaus berührende Vorstellung hat das Zeug zum Bühnenhit, auch wenn es kaum musikalische Ohrwürmer gibt.
Die Geschichte ist schnell erzählt. Der gerade 40 Jahre alt gewordene Schauspieler Michael Dorsey ist als querköpfiger Perfektionist bekannt, bekommt daher keine Engagements und schlägt sich mit Theaterkursen und Gelegenheitsjobs durch. Als er seiner ExFreundin Sandy Lester bei der Vorbereitung auf ein Casting für das Musical „Julias wahre Flamme“ hilft, kommt ihm eine Idee: Als resolute Frau verkleidet, bewirbt er sich unter dem Namen Dorothy Michaels selbst für die Rolle und erhält zu seiner Überraschung den heißbegehrten Job. Allerdings spielt ‚Dorothy‘ ihren Part anders als vorgesehen sehr selbstbewusst und übernimmt langsam, aber sicher die Leitung der Produktion. Nach vielen Änderungen sowie der Umbenennung des Stücks feiert „Julias wahre Amme“ ihre umjubelte Premiere. Dorothy Michaels wird der neue BroadwayStar und im schillernden roten Paillettenkleid zur altmodischen Hornbrille ein wirkungsvolles Plakatmotiv. Doch schon bald stellt sein Doppelleben Michael vor immer größere Herausforderungen. Zumal er sich in seine Kollegin Julie Nichols verliebt, deren Zuneigung jedoch ‚Dorothy‘ gehört. Was unvermeidlich zu allerhand praktischen und psychologischen, vor allem aber komischen Komplikationen führt.
Die große Drehbühne (hinreißendes Bühnenbild: Judith Leikauf / Karl Fehringer) erlaubt schnelle Wechsel der Schauplätze. Vor der glitzernden Skyline der Metropole New York erscheinen in raschen Verwandlungen das BroadwayTheater, die Wohnung, die Michael sich mit dem wenig erfolgreichen Stückeschreiber Jeff Slater teilt, oder das Büro seines Agenten Stan Fields. Mitreißend sind die Choreografien von Faye Heather Anderson (Dance Captain und Swing: AnnaJulia Rogers), eine Augenweide sind auch die Kostüme von Claudio Pohle.
Gleich zu Beginn unterbricht der ruppige Regisseur und Choreograf Ron Carlisle die NewYorkHymne seines Ensembles und feuert den mit ständigen Einwänden nervenden Michael. Julian Culemann verkörpert perfekt den schrulligen, aber talentierten Bühnenkünstler, der als Dorothy lernt, sich auch mal diplomatisch zu verhalten. Vorzüglich gelingt ihm der Spagat zwischen den Geschlechterrollen, ohne dabei in klischeehaften Klamauk abzurutschen. Die Wechsel zwischen männlich tiefer und weiblich hoher Stimmlage bewältigt er scheinbar ebenso mühelos wie den rasanten Tausch von Maske und Outfits. In seinem einfühlsam interpretierten Song „Sprich mit mir, Dorothy“ zeigt er überzeugend Michaels eigenes Schwanken zwischen den Charakteren. Der gefragte MusicalStar Bettina Mönch (in Bonn begeisterte sie u. a. bereits als „Evita“) spielt mit großer Stimme und darstellerischer Sensibilität die temperamentvoll empfindsame Julie, die ihrer Freundin Dorothy vertraut und sich am Ende bitter getäuscht sieht. Das Thema „Wer bist Du?“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung.
Ein echter Knaller ist die erfahrene Musicalsängerin Vera Bolten als Michaels hysterische ExFreundin Sandy, die wild herumtobt, als sie erfährt, dass dieser ihr die Rolle vor der Nase weggeschnappt hat und sich mit ihrem Song „Was passier’n wird“ wütend das ganze Elend einer arbeitslosen Schauspielerin von der Seele singt. Daniel Berger glänzt als prätentiöser Regisseur (genau jener, der Michael rausgeschmissen und nun als „Dorothy“ engagiert hat) und MachoTyp Ron, der zudem ein Auge auf Julie geworfen hat und ihr trotz klarer Zurückweisung aufdringlich nachstellt. Matthias Schlung gibt Michaels verständnisvollen Freund Jeff, der allerdings wenig Spaß an dem Doppelspiel hat, das den Frieden in der gemeinsamen Wohnung auf eine harte Probe stellt. Jan Nicolas Bastel mimt den ebenso attraktiven wie einfältigen Schauspieler Max van Horn, der sich zu allem Überfluss in Dorothy verknallt, ihr draußen auf der Straße ein Ständchen bringt und zwecks Beruhigung in die Wohnung gelassen werden muss. Susanna Panzner überzeugt als energische Produzentin Rita Marshall, die ihren neuen Star Dorothy entschieden gegen den Regisseur verteidigt und längerfristig fördern will. Michael Ophelders macht bei allen Verwicklungen gute Figur als Agent Stan und als Inspizient Carl. Regieassistent und Abendspielleiter Bernard Niemeyer hat als Stuart auch einen kleinen Bühnenauftritt. Zehn weitere Darstellerinnen und Darsteller (darunter als zweiter Swing Oriol Sánchez i Tula) sorgen in tänzerisch schwungvollen Gruppenszenen für Bewegung. Der musikalische Leiter Jürgen Grimm, in Bonn regelmäßig als Musicaldirigent zu Gast, sorgt am Pult einer 18köpfigen Band für den vielfarbigen, rhythmisch akzentuierten Sound im Wechsel von Solonummern und großen Gesangsensembles.
Eine Travestiekomödie ist das Ganze nicht. Michael ist keine Dragqueen und hat keine Probleme mit seiner männlichen heterosexuellen Geschlecht sidentität. Dass er von seiner geliebten Julie in seiner wirklichen Gestalt wahrgenommen werden möchte, ist in der Theaterwelt zwischen Schein und Sein ein sympathisches, wenngleich erfolgloses Unterfangen. Aus dem Showgeschäft ist er am Ende also erst mal wieder raus. Ganz hoffnungslos ist die Sache jedoch nicht. Sandy tröstet sich mit Jeff, und der hat endlich sein neues Drama zu Ende geschrieben – mit einer großen Rolle für Michael.
Die musikalisch und tänzerisch brillante Aufführung ist ein leichtes Vergnügen mit viel Humor, ein bisschen Tiefgang und vor allem einem bis in die kleinsten Partien exzellent besetzten Ensemble. Das Premierenpublikum belohnte das ganze Team mit fulminantem Applaus. E.E.K.

Montag, 19.01.2026

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Letzte Aktualisierung: 30.01.2026 21:01 Uhr     © 2026 | |